ttas lefpignehcleB (Belchengipfel satt)

Geschrieben von Armin Huber.

Belchengipfel satt 2016 219th

Schwer zu lesen? Schwer zu fahren!
Zahlreiche Berichte gibt es schon zum Superrandonnée Belchen satt und selbst gefahren bin ich ihn auch schon, alles wohlbekannt sollte man meinen.
Und dennoch gab es noch die Möglichkeit auf der Strecke nahezu völliges Neuland zu befahren, und mich reizte diese Herausforderung mit vielen neuen Anstiegen.

Den "Belchen satt" hatte ich 2015 (Bericht auf der Pfeil-Homepage) zusammen mit Vereinskollegin Erna befahren und auch noch die Belchengipfel bestiegen.
Man kann natürlich wie andere bei Wiederholungen zu anderen Terminen und Uhrzeiten starten und bei anderem (Un)Wetter und mit anderen Begleitern fahren, was sicher auch nicht allzu langweilig sein wird.
Dies alles und auch die Aussicht auf eine weitere Homologation waren für mich aber nichts gegen den Reiz, mit einer Befahrung in Gegenrichtung eine völlig neue Herausforderung zu erleben mit vielen neuen Anstiegen, wovon ein paar schon lange auf der "Wunschliste" standen. Besonderes Augenmerk galten hier natürlich der steilen Seite des Weissenstein und der Stohrenstraße, die ich bisher immer nur heruntergefahren bin.
Ein zusätzliches Spannungsmoment ergab sich noch dadurch, dass ich ohne GPS fahre und dadurch die Streckenbeschreibung "rückwärts lesend" navigieren musste.

Start in Richtung Vogesen
Montag der 13. Juni morgens in Freiburg, erst nach Frühstück und normalem Auschecken im Hotel stehe ich deutlich später als ursprünglich geplant am Martinstor. Statt einer großen Vorbelastung habe ich Erholungswochenende gemacht, bin vielleicht schon etwas zu wenig gefahren.
Die Wetterprognose ist sehr bescheiden, aber zu heiß mag ich es ja ohnehin nicht und es ist erstmal trocken bis zum Rhein.
Der Wind kommt von schräg vorne, es geht deutlich langsamer als erhofft Richtung Vogesen und schon am ersten Anstieg kein Druck auf dem Pedal, werde ich überhaupt bis zu den großen Herausforderungen kommen?
Aber ich finde meinen Tritt und abgesehen von leichtem Regen nach dem Rhein ist das Wetter erstmal gut, bis zum ersten Paß schon mehr Sonnenschein als für den ganzen Tag angekündigt ist.

Belchengipfel satt 2016 023
Neuf-Brisach
Belchengipfel satt 2016 035
Anstieg zum Col du Hundsplan


Es geht langsam aber doch stetig voran, ganz schön steil von dieser Seite, der Petit Ballon. Fahrrad am Paß abstellen und schnellen Schrittes hinauf auf den Gipfel, Nebel und kalter Wind, Sicht praktisch Null, auf den anderen Ballons wird es leider nicht anders sein (aber mit den Wanderwegen kenne ich mich dort ja schon bestens aus).
Die Kleidungswahl ist zunächst ganz einfach, den Berg kurz-kurz hochfahren und dann oben die Regenjacke anziehen.
Als ich unten am Anstieg zum Col de Platzerwasel wieder die Jacke verstaue, fährt ein Rennradler an mir vorbei, im Abstand von wenigen Metern tuckert das Begleitfahrzeug hinterher, so ein Waschlappen.
Oben auf der Route des Cretes wird es dann richtig ungemütlich. Zu Nebel und Regen gesellt sich hier noch ein teils sehr kräftiger kalter Wind, während es unten im Tal ganz passabel ist.
Die Rumpelpiste vom Grand Ballon hinunter ist die erste harte Abfahrt, die ich keinesfalls mit dem Rennrad fahren wollte, da bin ich um mein robustes Trekkingrad froh. Und es werden noch weitere holprige Abfahrten folgen, man nimmt es dann irgendwann einfach gleichgültig hin (es ist sowieso nicht zu ändern).

Belchengipfel satt 2016 046
Auf dem Gipfel des Petit Ballon
Belchengipfel satt 2016 069
Auf der Passhöhe des Ballon d'Alsace


Am letzten Vogesenanstieg dämmert es bereits, oben am abgesperrten Gebiet auf dem Ballon de Servance ist es schon dunkel und als die neblige Abfahrt geschafft ist, bin ich froh die Vogesen zu verlassen.
Unten ist es dann richtig angenehm zu fahren, trocken und keinerlei Nebel, noch eine Verpflegungspause in Lure und weiter Richtung Jura.
Nach kurzer Schlafpause geht es in die Hügel hinein, vor St Hippolyte scheint die Sonne, aber leider nicht lange.

"Das Klima auf den Jurahöhen ist mitunter rau, feucht und kalt" ist im Wikipedia zu lesen.
Schon bevor diese Höhen erreicht sind fängt der Regen an, dem nach der sehr steilen Abfahrt hinunter nach La Goule die Bildqualität der auf dem landschaflich imposanten Anstieg gemachten Fotos zum Opfer fällt.

Belchengipfel satt 2016 112
Sonnenschein in St Hippolyte
Belchengipfel satt 2016 135
Anstieg von La Goule
Belchengipfel satt 2016 143
La Goule von oben
Belchengipfel satt 2016 174
Gipfel des Chasseral (1607 m)


Im Anstieg zum Chasseral regnet es immerhin nicht mehr, aber mit Nebel und kaltem Wind ist es trotzdem nicht das reine Vergnügen zum höchsten Punkt der Strecke zu fahren.
Auf der Abfahrt hört dann aber der Nebel auf, die Aussicht wird besser und es beginnt der schönste Teil meiner Tour.

Belchengipfel satt 2016 189
Schönes Wetter ab der Abfahrt vom Chasseral bis zum Rhein, hier oberhalb des Bieler Sees

Ohne Anstrengung erreiche ich Tempo 50 auf leicht abfallender Strecke mit ordentlich Rückenwind, der dann aber aus unerklärlichen Gründen schon bald auch wieder aus anderen Richtungen kommt.
Über zwei Drittel der Strecke sind bereits geschafft und jetzt wird es richtig interessant.
Es geht oberhalb von Solothurn links in den Anstieg zum Weissenstein hinein, wo dann auch bald ein Schild eiine Steigung von 22% ankündigt, um ein Bild für den Fall dass ich schieben muss hat der Andi mich gebeten.
Und wie fährt man mit schon einigen km in den Beinen so eine Steigung am einfachsten hoch? Langsam im kleinen Gang fahren, Puls niedrig halten, damit man an den steilsten Stellen noch Reserven hat.
Sogar das Fotografieren klappt im Anstieg, und so fahre ich ohne anzuhalten bis ganz nach oben.

Belchengipfel satt 2016 210
Ein Schild kündigt die Steigung mit 22% an,
aber es geht erstmal noch gemäßigt weiter
Belchengipfel satt 2016 213 Weissenstein
War's das schon? Ja und Nein.
Die steilste Rampe mit 22% ist schon geschafft, aber es steigt
nochmal bis zu 20% an, bevor man oben ist



Belchengipfel satt 2016 219
Geschafft!! Oben auf dem Weissenstein.

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Aussichtsterasse auf dem Weissenstein

 

Nach der etwas weniger steilen Abfahrt darf ich dann auf dem Schmierer-Anstieg des 300er Bölchen-Brevets hinunterfahren, der da mit Schildern signalisiert Schauplatz eines "Highspeed"-Zeitfahrens war, vielleicht gibt es in der Schweiz auch "Slowspeed"-Zeitfahren.
Auf den Chilchzimmersattel geht es genauso steil wie vom Bölchen-Haus hinauf, aber oben gibt es mit der ersten schönen Belchenbesteigung dieser Tour auf die Belchenflue eine große Belohnung.

Belchengipfel satt 2016 241
Holzflue und Ruine Neu Falkenstein oberhalb von Balsthal

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Auf dem Gipfel der Belchenflue, dem Schweizer Belchen
Belchengipfel satt 2016 258
Aussicht von der Belchenflue nach Osten
Belchengipfel satt 2016 267
Sonne und Wolken kurz unterm Gipfel der Belchenflue, das wäre mir ohne Gipfelbesteigung entgangen

Danach kommen noch von Eptingen und Zöglingen aus zwei heftige Rampen mit bis zu 20%, und damit ich dazwischen nicht aus der Übung komme gibt es wegen Baustelle unverhofft statt dem moderaten Anstieg von Läufelingen nach Wisen eine Radwegumleitung für Geübte, erstmal Direttissima auf bescheidenen Belag und immer steiler werdend hinauf auf den Hauenstein.
Damit sind aber alle Schwierigkeiten im schweizer Teil der Strecke überwunden und es fährt sich einfach bis zur Überquerung des Rheins in Laufenburg.

Der Schwarzwald als krönender Abschluss
Der Richtung Todtmoos einsetzende nächtliche Regen ist ein Anlaß die eigentlich für die Tiergrüblehütte geplante letzte Schlafpause etwas vorzuziehen, zumal ich gefühlt kaum noch vom Fleck komme.
Bei Beginn der Morgendämmerung fahre ich weiter zum Tiergrüble, hier wäre die Pause sogar mit mehreren Kissen richtig luxuriös gewesen, das muss ich einfach noch für einige Minuten ausprobieren, bevor es im Regen weiter hinunter nach Schönau und hinauf auf den Schwarzwälder Belchen geht. Der Belchengipfel wehrt sich diesmal mit allen in seinem Wetterarsenal verfügbaren Mitteln gegen eine Besteigung, aber es hilft nichts.
Sogar mir ist es jetzt ganz schön kalt und so fahre ich erstmals mit Beinlingen und langen Handschuhen hinunter und weiter zum Wiedener Eck.
Auch der Tuniberg kann als letzter "Anstieg" des normalen Belchen satt nach so langer und harter Strecke etwas weh tun, aber die Stohrenstraße ist da ein ganz anders Kaliber und der aus ganz anderm Zusammenhang stammende Vergleich "so hoch wie der Chimborazo über einem Misthaufen" ist nicht ganz von der Hand zu weisen.

Belchengipfel satt 2016 290
Auf dem Gipfel des Schwarzwälder Belchen
Belchengipfel satt 2016 291
Der letzte Anstieg, die Stohrenstraße
Zuerst für maximale Motorkühlung sorgen:
Beinlinge aus, lange Handschuhe aus, Buff runter, Jacke auf
und dann bewährte Taktik
Langsam im kleinen Gang fahren und Puls niedrig halten
Reserven für die steilsten Stellen haben
So klappt es mit dem Hochfahren !!
Belchengipfel satt 2016 303
Passhöhe Schauinsland, der letzte Anstieg ist geschafft

Wie zu erwarten sind bei der Stohrenstraße die 18% Steigung natürlich nicht auf einer Länge von 5 km (auch wenn das in einem Buch eines namhaften Ex-Profis behauptet wurde), sondern nur die Maximalsteigung.
Es ist natürlich ein harter Schwarzwaldanstieg, aber auf die angegebenen 5 km ist die Durchschnittssteigung sogar weniger als 10%. Oben auf der Passhöhe des Schauinsland ist der letzte Anstieg geschafft und es folgt noch eine lange Abfahrt, nach der ich nach gut 52 Stunden wieder in Freiburg am Martinstor bin. Mein Ziel ist erreicht, aber für eine weitere lange Tour fehlt danach die Motivation, jetzt ist einfach mal die Zeit, noch etwas auszuruhen.

Weiter Bilder in einem großen Picasa-Album

Fazit der Tour:
Es war auch diesmal wieder ein großes Erlebnis und zeitweise auch sehr schön zu fahren. Abgesehen von ein paar kurzen Verfahrern hat es auch mit der Navigation gut geklappt, ohne die vorherigen Befahrungen hätte ich da aber sicher mehr Probleme gehabt.
Von meinen drei Touren auf der Strecke des Belchen satt war es mit Abstand die härteste. Zum einen war die Form und auch das Wetter am schlechtesten, aber auch die Strecke an sich emfpand ich als härter, vor allem unangenehmer zu fahren.
Man hat natürlich insgesamt auch nicht mehr als 13000 Höhenmeter (nach meinem Höhenmesser) zu bewältigen, aber diese sind ungünstiger verteilt und die Abfahrten insgesamt noch holpriger zu fahren (angefangen beim Grand Ballon). Zudem machen ein paar Anstiege auf gut ausgebauter Straße und auch nennenswertem Verkehr (z.B. St. Hippolyte und St.Imier), die als Abfahrt toll sind, beim Hinauffahren nicht wirklich Spaß.
Durch die beiden Flachstücke am Anfang kommen die Höhenmeter weiter hinten und vor allem die Anstiege im letzten Drittel haben es in sich.  
Eingeläutet wird das Finale nach gut 430 km mit der steilen Seite des Weissenstein (bis zu 22%) gefolgt von weiteren heftigen Rampen (dabei 2x20%) und als letzter Anstieg nach mehr als 590 km die Stohrenstraße zum Schauinsland hinauf.

Eine "Empfehlung" kann ich im Gegensatz zu den Besteigungen der Belchengipfel nicht aussprechen. Auf jeden Fall rate ich davon ab, wenn man den Belchen satt noch gar nicht gefahren ist, man sollte vor allem wissen, ob man sich und seinem robusten Material die Abfahrten zumuten will.
Mit der Fahrt in Gegenrichtung ist für mich das Thema Belchen satt als "Runde Sache" abgeschlossen.
Wobei ich eine weitere Befahrung nicht gänzlich ausschließen will, vielleicht wird man in einer fernen Zukunft auch auf einem schönen Wanderweg auf den Gipfel des Ballon de Servance hinaufsteigen können.

"Kannst es halt auch nicht lassen" hatte mir jemand vor der Tour geschrieben.
Jedes Jahr eine Brevetserie zu fahren kann ich sicher lassen, aber schöne und neue Strecken zu fahren kann ich sicher nicht lassen, egal ob dies im Rahmen einer größeren Herausforderung oder einer gemütlichen Genußtour erfolgt.