Belchen(gipfel) satt - Krieg den Anstiegen

Geschrieben von Armin Huber.

Belchengipfel satt 2015 0315 Ziel
Am Martinstor in Freiburg, Start und Ziel von Belchen satt
Nachdem es im letzten Jahr wie verhext war, konnten mit Jürgen Hengst, Matthias Stempel und Georg Fenzke innerhalb kurzer Zeit gleich 3 Pfeilfahrer das Superrandonnee Belchen satt mit über 600 km und 12000 Hm erfolgreich bewältigen.
Ein gutes Omen also für das Mixed-Team Erna Kraus und Armin Huber, es als erste deutsche Fahrerin im Zeitlimit von 54h zu schaffen bzw. dabei erstmals zusätzlich auch noch alle 6 Belchengipfel zu besteigen.

 
Ein kurzer Rückblick auf 2014

Gleich 8 Vereinsmitglieder des RV Pfeil Tübingen hatten sich zu verschiedenen Terminen für den Belchen satt angemeldet, Andreas Herrmann ist als einziger im Ziel angekommen.
Bei meinem eigenen Versuch war ich trotz nächtlicher Fahrradanfahrt zum Start und zusätzlichen Wanderungen weit gekommen, ich hatte nach dem Petit Ballon noch über 10 Stunden Zeit für die letzten 75 km mit nur noch wenigen Höhenmetern. Es fuchste mich sehr, dass die bis dahin so schöne Tour durch dieses Mistvieh jäh beendet war und statt der Zielankunft in Freiburg eine OP in Colmar und zwei Monate Fahrradpause folgten.

Super-Randonnée Belchen satt - Kurzinfo
Vor allem für die Nicht-Brevetfahrer noch eine kurze Erklärung. Bei einem Super-Randonnée handelt es sich um ein permanentes Brevet (Start im Prinzip jederzeit möglich), das mindestens 600 km und 10000 Hm aufweisen muss. Zeitlimit für die Randonneurswertung ist 50h + 1h pro zusätzlichen 500 Hm, beim Belchen satt beträgt es 54h (im Gegensatz zu manch kommerzieller Veranstaltung sind hier eher zuwenig als zuviel Hm angegeben).
Die Strecke führt von Freiburg durch Schwarzwald, Jura und Vogesen an allen 6 Belchengipfeln vorbei, "Veranstalter" ist ARA Breisgau.
Seit der Eröffnung Ende Juli 2013 haben es etwa 50 Teilnehmer im Randonneurs-Zeitlimit geschafft, darunter als einzige Frau Sophie Matter, Organisatorin von Mille de Sud in Südfrankreich und "Erfinderin" der Super-Randonnées, neben Streckenchef Urban Hilpert quasi die Hauptschuldige für diese Schinderei.

Wie kommt man zu BelchenGIPFEL satt?
Die Idee entstand auch durch meine RV Pfeil Bike&Hike-Tagestouren mit Start per Fahrrad in Tübingen und am Schluss Wanderung auf Zugspitze (2962m), Säntis (2502m) und Schwarzhorn (3146m). Vor allem am Schweizer Belchen war ich schon mehrfach vorbeigefahren, aber noch nie auf dem Gipfel gewesen. So ist es auch bei den anderen Belchen, man ist mit dem Rad fast oben, aber eben doch nicht ganz oben.
Es ist also keineswegs so, dass der "Belchen satt" für mich zu einfach wäre, aber wieso nicht mit vergleichsweise geringem Zusatzaufwand das Erlebnis und bei schönem Wetter auch den Genuß deutlich vergrößern?
Es gibt lediglich eine kleine Einschränkung des Zeitplans durch die Vorgabe, möglichst alle Gipfel bei Tageslicht zu besteigen.


Weitere Bilder gibt es auf Picasa
Und jetzt geht es los, allez!

Episode I - Die dunkle Bedrohung
Wer kennt sie nicht, die Farben der Steigungsprofile bei quaeldich.de: Grün, Gelb, Orange, Rot, Dunkelrot, Schwarz.
Das Dunkel der Nacht, bei dem man manche Streckenteile nicht fahren möchte, wobei die moderne Fahrradbeleuchtung einen Großteil dieses Schreckens genommen hat, es schaudert einen bei dem Gedanken, dort mit einer Funzel unterwegs zu sein, wie sie vor einigen Jahren noch üblich war.
Auch die dunklen Regenwolken sind nicht zu unterschätzen, vor allem wenn man weit oben ist oder von dort hinabfährt.
Noch aber ist all dies weit enfernt, als wir freitags um 17:30 Uhr am Martinstor in Freiburg starten.

Belchengipfel satt 2015 0001 Vor Start
Der Autor kurz vorm Losfahren
Belchengipfel satt 2015 0005 Start
Erna am Start am Martinstor
Belchengipfel satt 2015 0006 Schauinsland
Anstieg zum Schauinsland mit Streckenchef Urban

Kurz nach dem Start treffen wir Streckenchef Urban, der als Feierabendrunde mit uns den ersten Anstieg zum Schauinsland hinauf fährt. Dann fahren wir zu zweit weiter, Stohrenstraße hinunter und übers Wiedener Eck hinauf zum Belchenhaus, und schon sind wir am

Belchengipfel Nr. 1: deutscher Belchen
(1414m)
Belchengipfel satt 2015 0026 Belchen
Überschreitung auf einfachem Wanderweg, oben ein herrlicher Ausblick mit der Abendsonne über der Rheinebene
Meine Mitfahrerin Erna ist normalerweise sehr gut zu Fuß (war bei der Tour auf die Zugspitze dabei und auch schon AK-Siegerin beim Tübinger Nikolauslauf), aber nicht in ihren Radschuhen

Nach dem nächsten Anstieg zum Tiergrüble fahren wir nachts hinunter zum Rhein und die ersten Anstiege in der Schweiz. Wir warten ein paar Stunden bis zur Morgendämmerung (einen Tag zuvor hätten wir dort sicher auch gut geschlafen, tatsächlich gibt es aber dort einen nie für möglich gehaltenen Verkehrslärm), bevor wir auf den interessanteren Streckenteilen weiterfahren.

Episode II - Angriff der Kotzrampen
Auch wenn man meint, sich auszukennen, mit einem muss man immer rechnen: Urban hat eine Strecke gefunden, die steiler ist.
(Ähnlichkeiten mit in Tübingen lebenden Personen wären rein zufällig)
Und diese Rampen gehen wir in der Morgendämmerung an, auch um die schönen Ausblicke der Strecke bis Wisen zu geniessen.
Gut in Erinnerung bleibt der 20%er nach Läufelingen, dessen hart erarbeitete Höhenmeter man auf einer ebenso steilen Abfahrt wieder vernichtet, bevor es steil zum Chilchzimmersattel hinaufgeht, und darüber ist:

Belchengipfel Nr. 2: Belchenflue (1099m, auch als Schweizer Belchen oder Bölchen bezeichnet)

Belchengipfel satt 2015 0052 Belchenflue Belchengipfel satt 2015 0057 Belchenflue

Mit dem Trekkingrad bis zum Sattel zwischen Ruchen und Belchenflue auf Schotterweg fahrbar, die letzten 50 Höhenmeter sind felsig mit Stufen und teilweise Geländer.

Episode III - Die Rache des Jura
Auf den folgenden flacheren Strecken werden wir vom kalten Wind ausgebremst, unterbrochen vom steilen Anstieg auf den Weissenstein über Solothurn und der noch steileren Abfahrt. Vor dem langen Anstieg auf den Chasseral müssen wir nochmal kurz Pause für einen Powernap machen, dann fahren wir hinauf zum höchsten Punkt des Belchen satt, dem Chasseral. Die Alpen sind heute leider nicht zu sehen, aber wir haben im oberen Bereich trotzdem einen schönen Ausblick und auch viel Wind.

Belchengipfel satt 2015 0102 Chasseral
Kurz unterm Gipfel des Chasseral

Belchengipfel satt 2015 0118 Chasseral
Gipfel des Chasseral, mit 1607m der höchste Punkt der Tour

In St. Imier machen wir kurz Verpflegungspause, bevor wir den nächsten Anstieg hinauf fahren.

Episode IV - Eine neue Hoffnung
Nach dem Mt. Soleil geht es zum ersten mal hinunter zum Doubs, wegen Baustelle wird er aber nicht am berüchtigten La Goule (steil bergab, noch steiler bergauf, Belag hundsmiserabel) überquert sondern etwas weiter unten.
Belchengipfel satt 2015 0140 Doubs
Erste Überquerung des Doubs

Landschaftlich steht die Umleitung der Originalstrecke kaum nach, ist aber deutlich besser zu fahren.
Erstmals seit längerer Zeit ein Anstieg der richtig gut rollt, das ist nicht einmal "überraschend moderat", das kann man schon als "fast abschüssig" bezeichnen, und mit dem 980m hohen Col de la Vierge haben wir den letzten Jurapass geschafft.

Belchengipfel satt 2015 0160 Sonne
Gegen Ende des Jura gibt es endlich Sonnenschein

Jetzt lässt sich auch mal gut Strecke machen, bis Isle la Doubs ist es noch hell und auch danach ist es bestens geeignet für eine Nachtfahrt (mit kurz mal "gutem Schotter").

Episode V - Der Belchen satt schlägt zurück
Nach der zweiten längeren "Schlaf"pause regnet es (nach ein paar eher harmlosen Schauern am Vortag) zum ersten Mal richtig und wir fahren in die Vogesen hinein. Dass der Anstieg zum Ballon de Servance für Radfahrer anders ausgeschildert ist, mag der Urban übersehen haben, oder wollte er einfach nur die absolut kürzeste Strecke fahren?  Es geht nichts mehr, zum ersten Mal muss Erna schieben ("so etwas kann man den Teilnehmern doch nicht zumuten").
Um alle Belchengipfel und das Zeitlimit von 54h schaffen zu können, muss die Zusatzzeit für die Gipfelbesteigungen minimiert werden, d.h. etwas Zeit in den Anstiegen zu den 4 Belchen der Vogesen herausgefahren werden.
Als wir wieder auf dem "normalen" Anstieg sind beschleunige ich also etwas und mache mich oben auf zu
Belchengipfel Nr. 3: Ballon de Servance (1216m), der einzige Belchen, an dem es nicht bis auf den Gipfel selbst geht, da der Gipfelbereich leider Sperrgebiet ist, daher zähle ich den höchsten Punkt des Wanderwegs als "Gipfel", zu sehen ist im Nebel ohnehin nur wenig.
Erna ist gerade oben angekommen, als ich von der Gipfelwanderung zurück bin, perfektes Timing.
Belchengipfel Nr. 4: Ballon d'Alsace (1247m), die Wanderung zum Gipfel beginnt bereits vor der Passhöhe, hier hat man die Wahl zwischen etwas längeren Serpentinen und etwas steilerem Weg mit Stufen.

Belchengipfel satt 2015 0189 Servance Belchengipfel satt 2015 0200 Alsace
Ballon de Servance und Ballon d'Alsace, diesmal leider keine so tolle Aussicht wie im letzten Jahr

Belchengipfel satt 2015 0215 Page
Das besser werdende Wetter hat am Col du Page sogar Erna bewogen, die Armling runter zu krempeln


Episode VI - Die Rückkehr der Pedalritter
Auf den Grand Ballon gibt es mehrere Anstiege, unserer ist laut quaeldich.de der härteste der ganzen Vogesen (wie könnte es auch anders sein).
Es geht gleich steil los, aber Erna fährt tapfer hinauf, in Geishouse ist der erste Teil geschafft und nach einer kleinen Abfahrt beginnt der zweite Teil mit viel Holperstrecke. Da ich jetzt wieder vorneweg fahre, kann ich auch keine möglichen Lobeshymnen auf den Streckenplaner hören, vom Chalet Hotel du Grand Ballon nehme ich den von der Etappenfahrt zwei Wochen zuvor bestens bekannten Wanderweg auf den höchsten Berg der Vogesen unter die Beine.

Belchengipfel Nr. 5: Grand Ballon (1424m)
Belchengipfel satt 2015 0243 Grand Ballon Belchengipfel satt 2015 0248 Grand Ballon

Hier lohnt es sich eine "Überschreitung" zu machen, rechts hoch, am Denkmal vorbei wieder runter.
Innerhalb eines Monats bin ich jetzt zum ditten mal hochgefahren und stehe ebenso oft auf dem Gipfel.

Auf der Passhöhe zurück, vernehme ich von Erna "nicht abgestiegen"!
Auf der Route des Cretes bekommen wir ab dem Markstein dann noch unverhofft Anfeuerung von Streckenposten eines dort gerade stattfindenden Triathlons, auch wenn wir in der "falschen" Richtung unterwegs sind, nach einer rasanten Abfahrt folgt der Anstieg zum letzten Belchen.

Belchengipfel Nr. 6: Petit Ballon (1272m)
Belchengipfel satt 2015 0269 Petit Ballon
Kurz unterm Gipfel auf schönem Wanderweg
Belchengipfel satt 2015 0276 Petit Ballon
Geschafft, der letzte Belchengipfel

Die Belchengipfel sind geschafft, jetzt gilt es noch im Zeitlimt von 54h in Freiburg anzukommen, nach dem sich Erna immer mal wieder erkundigt.
Homologation oder Nicht-Homologation, das ist hier die Frage, aber würde dies wirklich einen großen Unterschied ausmachen?
Bei ihr ist die Komfortzone vor allem aufgrund Sitzbeschwerden schon lange verlassen und dem Zeitplan für 50h hinken wir schon seit dem Chasseral deutlich hinterher, aber wenn wir normal weiterfahren sollte es reichen, auch wenn die Zeitreserve nicht besonders üppig ist.
Auf der Abfahrt nochmal eine Pause mit kräftiger Brotzeit und dann beginnt der Endspurt.
Die letzte Bergwertung zum Col du Firstplan ist mit gleichmäig 6-8% sehr angenehm zu fahren und auf der Abfahrt nach Gueberschwihr haben wir einen tollen Ausblick über die Rheinebene. Jetzt geht es flach zum Rhein, zum Glück ist das Wetter bestens und wir pedalieren locker.

Belchengipfel satt 2015 0298 Rhein
Wir überqueren den Rhein in der Abendsonne

Belchengipfel satt 2015 0300 vor Freiburg
Kurz vorm Tuniberg
Belchengipfel satt 2015 0315 Zieleinfahrt
Die letzten Meter (Foto: Frank Seif)

Auch die letzte Bodenwelle des Tunibergs kann uns nicht mehr aufhalten, die Schmerzen weichen der Vorfreude aufs Ziel.
Um 22:45 Uhr haben wir das Martinstor erreicht, nach 53:15h (und über 13000 Hm auf meinem Tacho) haben wir es geschafft !!
Für Erna war es die bisher mit Abstand härteste Radtour, Chapeau!
Auch ich freue mich dass wir beiden es geschafft haben, geteilte Freude ist doppelte Freude.
Nach dem Fleche Allemagne mit 3 Rookies im letzten Jahr, eine Woche vor dem Belchen satt beim Alb-Donau-Radmarathon auch zwei neue Marathonfahrerinnen dabei und jetzt die erste Pfeil-Finisherin des Belchen satt, vielleicht liegt es auch etwas an den Mitfahrern, dass man bei Touren mit dem Pfeil über die vermeintliche Grenze hinauswachsen kann.
Während es für mich relativ entspannt war (ich habe es auch lieber kühl als zu warm), war bei Erna der Genuß unterwegs leider zeitweise deutlich eingeschränkt, da es nicht ihr Wetter und sie auch näher am Limit war, aber angesichts des großen Erlebnis werden sicher auch bei ihr die Erinnerungen an die Mühen verblassen. Schön wars, schön hart.

Belchengipfel satt: Auch wenn Urban meint, dass ich nicht nur der erste bin, der auch noch auf die Belchen-Gipfel gewandert ist, sondern wohl auch der einzige bleiben werde, so kann ich dies hiermit trotzdem jedem empfehlen, der mit seinen Radschuhen auch gut zu Fuß ist.
Allen Nachahmern wünsche ich viel Erfolg und Vergnügen, möge die Macht mit euch sein.

Belchengipfel satt 2015 0315 Ziel gr