Cappuccino-Alpentour 2015

Geschrieben von Armin Huber.

Alpentour 2015 0583 Maennlichen 320
Ein Höhepunkt der Alpentour: Am Berghotel Männlichen

In einem großen Bogen über die Alpen, die Strecke sportlich anspruchsvoll und landschaftlich herausragend, so gesehen war es wie immer. Mit der Paracycling-WM als Ziel und einem ungewöhnlich hohen Frauenanteil gab es aber auch neben der Anzahl Cappuccini noch Neues.


Um es vorneweg zu nehmen: Die Rekordanzahl an Cappuccini lag nicht nur am Frauenanteil, so manch schneller Hengst hatte da schon nachbestellt, bevor das hintere Feld auch nur in Sichtweite der Passhöhe war. Und wir hatten nicht nur die Tourenführerin der Cappuccino-Gruppe dabei, sondern sind auch in einem solchen Schnitt gefahren, wenn auch auf geringfügig anspruchsvollerer Strecke.
Die Streckenplanung macht der Chef immer gern persönlich, aber zu organisieren ist eine solche Tour kaum alleine. Daher diesmal first und weder last noch least einen ganz großen Dank an meine fleißige Helferin Birgit.

ext link Bilder auf Picasa in größerer Anzahl und höherer Auflösung
Infos zur Strecke und zur Paraycling-WM im Vorbericht

Alpentour 2015 0002 Bodensee
Gruppe kurz nach dem Start am Bodensee (es fehlt die Fahrerin des Begleitfahrzeugs auf der ersten Teilstrecke)

Etappe 1 - Nebulöse Gestalten
In Lindau ist der Start unserer Alpentour zur Paracycling-WM in Nottwil und wir fahren erstmal in eine ganz andere Richtung los. Wohl erstmalig bei einer anspruchsvollen Etappenfahrt des RV Pfeil ist der Frauenanteil über 50%, da kann man nur hoffen, dass unsere Bergziegen nicht zu Bergzicken mutieren.
Zum Einrollen geht es lange Zeit flach, der Himmel ist stark bedeckt, der Geist hat noch Zeit sich an die Bergwelt zu gewöhnen. Gegen Ende der Etappe geht es aber doch noch richtig hinauf zur 2032m hohen Bieler Höhe auf der Silvretta-Hochalpenstraße bei km 111. Den Nachzüglern erscheinen oben aus dem Nebel Gestalten in mysteriösen Gewändern. Die Abfahrt ist nicht sehr lang und so können wir uns bald im Hotel für die kommenden Tage erholen.

Alpentour 2015 0022 Bielerhoehe Alpentour 2015 0028 Bielerhoehe


Etappe 2 - Großes Finale übers Stilfser Joch auf die Tibethütte
Strahlender Sonnenschein empfängt uns zur Abfahrt hinunter nach Landeck, der Streckenchef hat eine schöne Parallelstrecke zur öden Hauptstraße gefunden, auf der diese durch kurze Zwischenrampen aufgelockert wird. Weiter geht es über die Norbertshöhe zum Reschenpass und vorbei am Reschensee, wo wir erstmals König Ortler sehen.
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Im Inntal Richtung Schweiz
Alpentour 2015 0058 Reschensee
Reschensee

Schon über 80% der Tagesstrecke sind geschafft, bevor das dicke Ende kommt. Auf der "Konigin der Alpenstraßen" geht es 25 km lang hinauf zum Stilfser Joch, dem höchsten Pass Italiens mit 2760m, und von dort noch einige Hm weiter bis zur Tibethütte, der höchsten asphaltiert anfahrbaren Übernachtungsmöglichkeit in den Alpen. Alle können bei dieser höchsten Bergankunft zurecht stolz sein, es geschafft zu haben.
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Gleich geschafft - unten das Stilfser Joch
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Die Tibethütte und rechts davon König Ortler

Etappe 3 - Unbekannte Perlen
Als morgenliches Warmup mache ich eine kleine Wanderung runter zum Stilfser Joch und hinauf zum 2845m hohen Rifugio Garibaldi auf em Gipfel der Dreisprachenspitze, die natürlich auch drei Namen hat: ital. Cima Garibaldi und rätoromanisch Piz da las Trais Linguas, schon allein für diese traumhafte Aussicht hat sich die Auffahrt gelohnt. Auch aus der Gaststube der Tibethütte haben wir einen tollen Ausblick. Auf der Abfahrt vom Stilfser Joch ist es noch recht frisch, den Umbrail als höchsten Pass der Schweiz nehmen wir natürlich auch noch mit, die wenigen Höhenmeter können auch auf dem großen Blatt gefahren werden.
Alpentour 2015 0119 Stilfser Joch Alpentour 2015 0136 Tibethuette
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Stilfser Joch, höchster Pass Italiens
Alpentour 2015 0140 Umbrailpass
Umbrailpass, höchster Pass der Schweiz

Obwohl er einer der höchsten und schönsten Alpenpässe ist, steht der 2618m hohe Passo di Gavia ganz im Schatten des Stilfser Jochs. Radsportfreunden ist er vielleicht von der legendären Etappe des Giro d'Italia 1988 ein Begriff. (Artikel auf der NZZ von 2013, ext link  "Als starke Männer weinten") Ganz so schlimm war es bei meinen bisherigen Befahrungen nicht, aber nach Schneeregen und beim zweiten Mal auch nur wenig besser freue ich mich, jetzt dort zum ersten Mal bei Sonnenschein die herrliche Landschaft geniessen zu können.
Alpentour 2015 0168 Gaviapass

Während es für uns Radfahrer traumhaft zu fahren ist, sind unsere Autofahrer im Begleitfahrzeug jetzt in Italien deutlich mehr gefordert als auf den breiten Straßen zu Beginn der Alpentour.
Unten im Tal fahren wir auf einem herrlichen Radweg Richtung Passo del Vivione, unserem zweiten großen Anstieg des Tages, und dort hören zumindest für den deutschsprachigen Raum die Ortskenntnisse der meisten Rennradfahrer auf.
Alpentour 2015 Vivione

Das meiste haben wir oben geschafft, aber das "kleine Buckele" (O-Ton einer Teilnehmerin beim Briefing) am Ende hat immerhin 550 Hm und ist lang genug für gleich drei Schilder mit Aufschrift "14%".

Etappe 4 - Durch die Bergamasker Alpen
Der erste Tag ohne einen Anstieg der Hors Catégorie, aber mit zwei oder drei Anstiegen der ersten Kategorie trotzdem genügend Programm.
Der eher unspektakuläre Passo Zambla ist mit seinen 1264m auch schon der höchste Punkt des Tages. Von San Giovanni Bianco fahren wir durch die Gola del Enna auf die Culmine San Pietro.

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Gola del Enna
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Culmine San Pietro

Den letzten Pass des Tages kann man auslassen, sollte man aber nicht. Ein echter Geheimtipp ist der Passo Agueglio, fast 1000 Hm direkt über dem Comer See und laut Quaeldich dort der schönste Pass.
Leider trübt das diesige Wetter etwas die Aussicht, aber nach der ersten Ortschaft werden wir mit einer traumhaften Abfahrt mit bestem Belag und unten zahlreichen Kehren, die direkt an unserem Hotel enden, belohnt, nur unterbrochen durch einen Stopp um die Aussicht auf den See zu genießen.
Alpentour 2015 0232 Agueglio Alpentour 2015 0242 Agueglio
 
Alpentour 2015 0256 Bellagio
Bellagio kurz vorm Anlegen der Fähre

Etappe 5 - Steil und flach
Nach einer kurzen Schiffsfahrt über den Comer See beginnt die Tour in Bellagio gleich mit dem von "Il Lombardia", einem der 5 Momumente des Radsports (Erstaustragung 1905, das einzige, das noch kein deutscher Fahrer gewinnen konnte), bekannten Anstieg zur Madonna del Ghisallo, der Schutzpatronin der Radrennfahrer. In der Kapelle sind Trikots, Räder und sonstige Trophäen von italienischen Radsportlegenden wie Fausto Coppi, Gino Bartali und Alfredo Binda ausgestellt. (Alle 3 haben sowohl bei der Lombardei-Rundfahrt als auch beim Giro d'Italia dreimal oder öfter gewonnen).
Einmal die Kapelle zu besuchen gehört quasi zum Pflichtprogramm eines jeden Radsportlers, der am Comer See ist.
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Wallfahrtskirche Madonna del Ghisallo
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Im Inneren der Kapelle
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Skulptur neben der Kapelle
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Ende der Muro di Sormano, max. 25%
Um zum anderen Arm des Comer See zu gelangen überqueren wir den Pass Colma di Sormano.
Der wahre Recke fährt auf der bis zu 25% steilen Muro di Sormano hinauf, der Rest nimmt die im Quäldich als "Weichei-Ostanfahrt" bezeichnete deutlich flachere Straße.
Am See entlang gibt es auch noch ein paar Wellen, danach einen ordentlichen Anstieg nach Morbio superiore auf dem Weg zum Luganer See. Dort erwischt uns dann der Regen.
Den Rest fahren wir dann zügig am Lago Maggiore entlang, am Abend ist es in Bellinzona wieder schönes Wetter und lädt zu einem Abendspaziergang ein.
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Comer See
Alpentour 2015 0313 Bellinzona
Bellinzona

Etappe 6 - Über den Pass der Pässe
Heute steht die längste Etappe auf dem Programm, 160 km mit 3600 Hm und keine Möglichkeit abzukürzen.
Wir haben schon über 1000 Hm gesammelt, bevor es in Airolo richtig losgeht, aber solange unser Verpflegungstisch so reichlich gefüllt ist und Ernas Bananenbrot nicht rationiert werden muss geht es uns doch wirklich gut.
Dann steigt es an durchs Val Tremola hinauf zum Pass der Pässe, dem 2091m hohen St. Gotthardpass, der bereits 1830 regelmäßig mit Postkutschen befahren wurde. Zum mehrere km langen Kopfsteinpflaster gesellt sich noch ein strammer Gegenwind.
Alpentour 2015 0343 Verpflegung Alpentour 2015 0391 Gotthard
Oben am Gotthardpass
Alpentour 2015 0361 Tremola
Val Tremola

So zieht sich das Feld noch etwas mehr in die Länge als üblich. Wir fahren zu viert noch eine kleine Verlängerung Richtung Passo Scimfuss und als wir zurück sind, sind alle oben am Gotthard angekommen. Unsere Schnellen Mädels sind schon weitergefahren nach Hospental, wo schon der nächste Anstieg wartet.
"Genügend Kraft ist ein Zustand, den es gar nicht gibt" (Wolfgang Güllich, ehemals einer der weltbesten Kletterer), heute scheint "Mit genügend Vorsprung in den Anstieg hineinzufahren" ein genauso nicht existenter Zustand zu sein. Ausnahmsweise ist es heute mehreren FahrerInnen vergönnt vor dem eingangs erwähnten Jürgen oben zu sein, und doch ist wie immer schon der Streckenchef auf der Passhöhe.
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Furkapass
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Wolkenwalze überm Grimsel
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Im Nebel am Grimsel

Das sonnige Wallis empfängt uns oben auf dem Furkapass. Über dem Grimselpass, unserem nächsten Anstieg, bewegt sich eine rasante Wolkenwalze Richtung Wallis, ein beeindruckendes Schauspiel, das aber auch weiter ungemütlichen Gegenwind bedeutet.
Da es viel bergab geht sind die restlichen 44 km hinab zum Brienzer See aber schnell geschafft.

Etappe 7 - Der Gipfel der Genüsse
Sonne satt gibt es schon beim Losfahren am Brienzer See auf unserer letzten Hochgebirgsetappe.
Hier wird nochmal ein Festmahl aufgefahren mit anspruchsvollen Anstiegen, praktisch autofreien Strecken und traumhaften Ausblicken auf die großen Gipfel der Berner Alpen.
Der Anstieg zur Grossen Scheidegg ist lang und teilweise steil, außer dem Postbus dürfen aber keine Autos drüber fahren und die Landschaft entschädigt uns reichlich für unseren vergossenen Schweiß.
Alpentour 2015 0443 Brienzer See Alpentour 2015 0473 Wetterhorn
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Große Scheidegg, das haben wir uns verdient
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Große Scheidegg, hinten Mönch und Eiger
Auf der Abfahrt nach Grindelwald rücken wir dem Eiger näher.
Der folgende Anstieg ist der Top-Tip für alle, die auch vor lang anhaltenden zweistelligen Steigungsprozenten nicht zurückschrecken, durch die herrliche Aussicht bei der Auffahrt spürt man die Steilheit nur wenig. (Die Steigung kommt aber nirgends an 20% heran, lediglich auf der Abfahrt war es ganz unten auf einer anderen Variante kurz extrem steil)
Der Gipfel heißt zwar Männlichen, aber natürlich gilt die Empfehlung auch für Fahrerinnen.  
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Das Wetterhorn, Wahrzeichen Grindelwalds
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Eiger-Nordwand, Mönch und Jungfrau

Wer mit gutem Schuhwerk unterwegs ist, der sollte auch noch über den Schotter- und Wanderweg vom Berghotel bis zum Gipfel hinaufsteigen.
Die Aussicht ist dort noch umfassender, auch z.B. in die andere Richtung zum Thuner See.
Alpentour 2015 0563 Eiger Moench Jungfrau
Ausblick vom Männlichen - Eiger, Mönch und Jungfrau, unten das Berghotel Männlichen, darüber Tschuggen und Lauberhorn

Alpentour 2015 0566 Maennlichen
Auf dem Gipfel des Männlichen
Alpentour 2015 0583 Maennlichen 320
Ein Höhepunkt der Alpentour: Am Berghotel Männlichen
Gerne würde man hier oben bei bestem Wetter noch länger sitzen bleiben, aber wir müssen dann doch weiter, es ist noch nicht einmal die halbe Tagesstrecke geschafft.
Unten auf der Hauptstraße Richtung Interlaken nehmen wir dann Tempo auf, auch am Brienzer See zeigt der Tacho oft über 35 km/h an.
Die anderen, die den Männlichen ausgelassen haben, sind schon den Brünig hochgefahren, als wir wieder an der Juhe ankommen.
Auf der Abfahrt machen wir am schönen Lungerer See nochmal kurz Verpflegungspause, dann rollt der Express weiter und kurz vor Luzern sind die "Ausreisser" gestellt.
Sightseeing mit der Kapellbrücke gehort schon zum Standardprogramm der Pfeiltouren und abends scheinen wir gegenüber der Wilhelm-Tell mit "Sieben auf einer Bank" eine mittlere Sensation zu sein.


Etappe 8 - Paracycling-WM
Die Luft ist jetzt etwas raus, keine großen Anstiege mehr und es regnet, das Begleitfahrzeug ist auf dem kurzen Weg zu Paracycling-WM in Nottwil besser besetzt als üblich.
Am Stadion treffen wir auch den Steffen-Warias-Fanclub, der großteils aus Tübingen-Derendingen angereist ist.
Vielleicht ist die Anfeuerung durch den Pfeil nach einer Woche Alpentour etwas zu schwach, nach der Silbermedaille im Zeitfahren reicht es Steffen heute im Straßenrennen leider nur zum undankbaren vierten Platz.
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Klaus und Karen an der Strecke
Alpentour 2015 0645 WM
Steffen in der Mitte beim Anstieg nach Start/Ziel
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Hängende Köpfe auch beim Fanclub

Am Donnerstag bei der Silbermedaille im Zeitfahren waren wir leider noch nicht vor Ort.
Hier der WM-Bericht von Steffen Warias, vom dem auch die beiden folgenden Bilder sind. “Fotos: Oliver Kremer (www.pixolli-studios.de)”.

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WM-Silbermedaille im Zeitfahren für Steffen Waria
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Einen Teil des Rennens mit Dreirädern schauen wir noch an, dann geht es mit der Resttruppe hügelig bis zum Rheinfall und am Bahnhof in Schaffhausen endet die Alpentour 2015.
Es war mal wieder eine tolle Woche mit vielen Höhepunkten, die lange in Erinnerung bleiben werden.
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Am Rheinfall in Neuhausen, nur noch eine kurze aber knackige Rampe und das Ziel ist erreicht.

Ein kurzes Fazit des Streckenchefs
10 Jahre Alpentouren, 2006 fuhren wir von Waldshut los, die Große Scheidegg von Grindelwald als ersten großen Pass, das Stilfser Joch als höchsten Pass und bis nach Lindau, jetzt ging es in Lindau los, Stilfser Joch und Große Scheidegg in der anderen Richtung, der Kreis hat sich geschlossen, ein guter Zeitpunkt für ein vorläufiges Ende in dieser Form.
Es gibt verschiedene Ansätze für die Streckenplanung, meiner war immer, auch mehrere neue Anstiege dabei zu haben, keine der 2. Liga, sondern der Championsleague.
Großglocknerstraße, Timmelsjoch und Ötztaler Gletscherstraße in Österreich, Vrsicpass und Mangrt in Slowenien, alle hohen Pässe der Schweiz, Stilfser Joch und Gavia in Italien, über die höchsten Pässe Frankreichs bis ans Mittelmeer und auf den Mont Ventoux, das sind nur einige der über den ganzen Alpenraum verstreuten Höhepunkte dieser Alpentouren.
Alles gefahren? Nein, noch lange nicht, aber die obersten Punkte auf der Wunschliste sind abgehakt.
Es gibt auch für mich noch viele neue große und schöne Anstiege und bei den Leuten, die sagen sie wären "alles" gefahren zeugt das in den allermeisten Fällen nur von der Unkenntnis, wieviele es tatsächlich gibt.