L-E-L well done

Geschrieben von Armin Huber / Ingrid Strecker.

Von ihrer erfolgreichen Teilnahme bei der größten Brevetveranstaltung 2013 London-Edinburgh-London (1419 km) berichten die Randonneure Ingrid Strecker und Armin Huber.

LEL 2013 0302th Ingrid
Ingrid Strecker (115:37 h)
LEL th Armin
Armin Huber (69:36 h)

 


Text Gelb - Grün - Rot : Ingrid Strecker
Fotos (außer Titelbild Armin und Market Rasen) und restliche Texte: Armin Huber
Weitere Bilder im ext link Picasa-Album London-Edinburgh-London von Armin
Artikel im Schwäbischen Tagblatt vom 05.08.2013 und 15.08.2013.

London - Edinburgh - London, Allgemeine Infos und Vergleich mit PBP

London-Edinburgh-London (kurz LEL) ist 2013 mit etwa 1000 Teilnehmern die wohl größte Brevetveranstaltung des Jahres.
Es waren 60 Frauen am Start, Deutschland war mit etwa 150 Teilnehmern nach dem Veranstalter die stärkste Nation, insgesamt waren 34 Nationen vertreten. Die Streckenlänge ist 1419 km mit ca. 11000 Hm, etwa 800 Teilnehmer erreichten im Zeitlimt von 116h 40 min das Ziel in London.
Start und Ziel war diesmal in London Loughton, am nördlichen Stadtrand von London. Es gab 12 Kontrollstellen, von denen 7 beim Hin- und Rückweg angefahren wurden (unterschiedliche Strecke bis zur ersten Kontrollstelle 99 km Hinfahrt, 119 km Rückfahrt mit zusätzlicher Kontrollstelle sowie Strecke in Schottland als Schleife ab ca. km 570 - km 830, dazwischen Hin- und Rückfahrt gleich)
Die Veranstaltung findet wie die "Olympiade der Randonneure" Paris-Brest-Paris (PBP) alle 4 Jahre statt.
Die Strecke ist gegenüber PBP nochmal knapp 200 km länger, von der Stimmung und der Tradition (erste Austragung 1989 gegenüber 1891) ist LEL aber meilenweit von PBP entfernt, selbst in unmittelbarer Nähe von Start und Kontrollstellen ist die Veranstaltung kaum bekannt.
Im Ziel ist wenig los, wir begnügen uns mit einem einfachen "well done", gut gemacht.
Die Gesamthöhenmeter sind vergleichbar mit PBP, aber wesentlich ungünstiger verteilt, die Strecke ist hier nicht ausgeschildert (d.h. Navigation mit Roadbook oder GPS) und die Strecke an einigen Stellen desolat, "poor road" und "weak bridge" sind gern verwendete Bezeichnungen. Insgesamt ist die Strecke also nochmal eine Stufe schwieriger als bei PBP, landschaftlich hat sie mir aber deutlich besser gefallen
Die Verpflegung und Schlafplätze an den Kontrollstellen sind im Gegensatz zu PBP im Startgeld enthalten, was aber keineswegs bedeutet, dass man dort weniger Zeit braucht.
Es gab auch die Möglichkeit des "bag drop", d.h. man konnte zwei Stoffbeutel mit je max. 2,5 kg zu zwei im voraus angegebenen Kontrollstellen bringen lassen.
Sehr gefallen hat mir, dass nur sehr wenige Teilnehmer mit eigenem Begleitfahrzeug (an den Kontrollstellen) unterwegs waren.

Brevets sind keine Rennen, auch wenn sportliches Wetteifern stattfindet. Es geht vor allem darum für sich selbst die physische und psychische Herausforderung zu meistern, wobei vor allem der Kopf bei sehr langen Strecken eine wichtige Rolle spielt.
Natürlich gibt es auch hier jemanden, der als Erster im Ziel ankommt, aber Sieger ist jeder der es geschafft hat und erhält das gleiche, eine Finisher-Medaille.

Prolog
Ursprünglich waren mit Andreas Herrmann, Armin Huber, Ingbert Gerngroß, Ingrid Strecker und Jochen Leissner 5 Pfeilmitglieder angemeldet, bereits nach einem Tag war LEL ausgebucht. Ingbert sagte seinen Start schon relatv früh ab und konnte seinen Startplatz an den mit uns befreundeten Randonneur Istvan Fingerhut aus Stuttgart abgeben, der auch mit uns nach London gereist ist. Andreas stürzte bei unserer Nonstop-Tour an den Gardasee leider sehr unglücklich und fällt für die restliche Saison beim Radfahren aus.
Als wir Istvan in Fasanenhof mitnehmen hat er schon einen Sturz in der Straßenbahn hinter sich, sonst läuft alles normal bei der Anreise am Freitag 26.07. Den Samstag nutzen wir zum Ausruhen, zur Registrierung und Abgabe der Taschen, ich fahre auch noch die ersten Kilometer der Strecke ab um mich an den Linksverkehr zu gewöhnen und mich damit vertraut zu machen, wie das Roadbook zu lesen ist. (Letztlich hatte ich mit dem Linksverkehr keinerlei Probleme und mit den Beschreibungen des Roadbooks habe ich mich schnell angefreundet, wobei natürlich deutlich mehr Aufmerksamkeit als beim GPS erforderlich ist und ein paar kleine Verfahrer nicht ausgeblieben sind).

 

LEL 2013 0051 Istvan
Istvan auf dem Campingplatz
LEL 2013 0054 Ingrid Bags
Ingrid hat das zu ihren Bags passende Outfit


LEL - pfeilschnell (Armin Huber)
Eine große Gruppe von Fahrern die unter 80h fahren wollen ist bereits um 5:30 Uhr losgefahren, im Viertelstundentakt starten die weiteren Gruppen, wir um 8:15 Uhr, die letzten um 10 Uhr. Gerne hätte ich noch ein Gruppenbild direkt vorm Start gemacht, aber das Pfeilteam ist noch nicht komplett, dann eben nicht.

LEL 2013 0061th Start Armin
Armin vor dem Start
LEL 2013 0072th Jochen
Jochen auf der ersten Teilstrecke


Die ersten Meter verlaufen noch gemäßigt, dann nimmt das Tempo auf hügeliger Strecke aber mit Rückenwind merklich zu. Kurzzeitig gibt es etwas Chaos, als auch noch eine RTF auf der Strecke stattfindet, als diese dann nach Cambrigde abbiegt heißt es wieder freie Fahrt. 32er Schnitt bis zur ersten Kontrollstelle nach 99 km, dann löst sich der schnelle Teil der Gruppe an der Verpflegung auf. Ich fahre alleine weiter, bis zur nächsten Kontrolle sogar noch schneller.
Dann kommen die ersten heftigen Regenschauer, teilweise sogar während die Sonne scheint. In einem Ort schießt das Wasser zentimeterhoch die Hauptstraße hinab, an ganz anderer Stelle steht die Strecke sogar ohne Regen unter Wasser, aber wie wir beim 600er Brevet gelernt haben – Wasserpegel unter 20 cm ist fahrbar.
Die Fahrt über die riesige Humber Bridge mit Regenbogen nach fast 300 km ist für mich ein Höhepunkt der Tour.
LEL 2013 0106 Humber Bridge
Ausblick von der Humber Bridge

Auf dem ersten schwierigen Abschnitt von Pocklington nach Thirsk geht es in die Dämmerung, schmale Wirtschaftswege mit "poor road surface" (teils archaische Asphaltierung und riesige Schlaglöcher) und ordentlich Prozenten.
Es geht eine schmale Abfahrt mit 17% hinunter, unten dann voll in die Eisen steigen um im Schrittempo unten durch die mit Sand bedeckte Kurve zu schleichen und auf der anderen Seite bei 16% Steigung wieder hochdackeln.
Vor Barnard Castle bei km 466 treffe ich den in Norwegen lebenden Sachsen Markus und reiße ihn mit. Trondheim – Oslo ist er schon mit einer norwegischen Expressgruppe gefahren, 540 km mit 37er Schnitt und 2x2 min Pause, das wäre nichts für mich. Wir fahren etwa 100 km zusammen in den Morgen hinein bis Brampton. Er legt sich dort erstmal schlafen, bei dem angekündigten Regen und Besserung für den Nachmittag sicher nicht die schlechteste Entscheidung.
Ich fahre weiter in die Schleife durch Schottland hinein und zumindest mit dem (teils kräftigen) Regen hat die Prognose recht. Wenn es dann mal nur noch schwach regnet bzw. ganz aufhört kann man auch die schöne Landschaft genießen.
Die Helfer an den Kontrollstellen sind sehr freundlich und bemüht, auf der Strecke ist – nichts, niemand der uns mit seinem Applaus für unsere Heldentaten in ein Hochgefühl versetzen würde. Aber dann steht doch noch ein Fan an der Strecke, "welcome to Scotland" und eine große schottische Fahne schwenkend kurz vorm Wendepunkt in Edinburgh.

LEL 2013 0140th vor Brampton
Nach der ersten Nacht (km 540)
LEL 2013 0177th Edinburgh
Am Wendepunkt in Edinburgh (km 703)

Rückfahrt Edinburgh-London
Der erste Teil der Rückfahrt ist für mich der härteste, Regen und heftiger Gegenwind, selbst auf ebener Strecke teilweise keine 20 auf dem Tacho. Im einzigen größeren Ort Innerleithen muss die Hauptstraße überquert werden, sowohl von rechts als auch links kommt ein Auto nach dem anderen, es dauert eine gefühlte Ewigkeit.
In der kleinen Kontrollstelle in Traquair haben sie eine große Anzahl an LEL-Kuchen gebacken, ab hier beginnt für mich das Vergnügen bei LEL. 

LEL 2013 0184th Traquair
Ein paar der Kuchen in Traquair
LEL 2013 0228 Uplands
Fahrt durch die Southern Uplands

Der Regen hat aufgehört und der nächste Abschnitt durch die Southern Uplands ist für mich der schönste der gesamten Tour. Tolle Landschaft, Abendsonne, ordentlicher Straßenbelag und weit über 30 km lang überhaupt kein Verkehr, nur ich bin unterwegs, einfach traumhaft.
Und dann ist er zum ersten Mal da bei km 780, der Geschwindigkeitsrausch, der mich schon bei meinen PBP-Teilnahmen auf der Rückfahrt erfaßt hat.
Vor Brampton am Beginn der zweiten Nacht ist die Schleife zu Ende und die sich noch auf der Hinfahrt befindlichen Randonneure kommen mir entgegen.
Da ich hier mein Bag drop mit frischer Kleidung habe und im Schlafsal auch noch einige Betten frei sind lege ich hier bei km 850 meine für die zweite Nacht eingeplante Schlafpause ein (vorsorglich, da ich nicht damit rechne ganz ohne Schlaf auszukommen).
Als ich 1 Uhr als Weckzeit nenne wird nochmal kurz nachgefragt, da es gerade erst Mitternacht ist. Schnarchen ist fast nicht zu hören und ich schlafe gleich ein. Nach einer Stunde Schlaf mache ich mich fertig für die Weiterfahrt, der Abschnitt bis Barnard Castle über den höchsten Punkt von LEL hat zwar viele Höhenmeter, ist aber dennoch sehr gut als Nachtstrecke geeignet.
Die holprige Hügelstrecke kann ich diesmal zum Glück bei Tag fahren und auch über die Humber Bridge. Fast den ganzen Tag scheint die Sonne, mir ist es schon etwas zu warm, damit war bei LEL nicht unbedingt zu rechnen.

LEL 2013 0239th LEL 2013 0250th Castle Howard
Am Castle Howard
LEL 2013 0266 Humber Bridge
Fahrt über die Humber Bridge
LEL 2013 0272 Humber Bridge
Humber Bridge

Auf den Abschnitten mit gutem Belag gebe ich mich dem Geschwindigkeitsrausch hin, Tempo 40 wenn es zufällig mal Rückenwind hat, als wäre ich gerade erst losgefahren.
Die Liste der schon vor mir an den Kontrollstellen eingetroffenen Fahrern wird immer kürzer, in Market Rasen bei km 1151 komme ich als vierter Fahrer an.
Bei abends sinkenden Temperaturen läuft es noch besser, es geht in die dritte Nacht.
Leider muss mein GPS nach der zweiten Nacht den heftigen Regenfällen der Hinfahrt Tribut zollen und fällt komplett aus, d.h. ich muss jetzt auch nachts nach dem Roadbook navigieren, was nur für tagsüber geplant war. Der vorletzte Abschnitt ist nochmal von der Orientierung und dem Straßenzustand sehr anstrengend, an der letzten Kontrollstelle waren vor mir nur zwei Fahrer. Nach kurzer Rast werde ich vor der Abfahrt noch darauf hingewiesen dass bis zum Ziel komplett ausgeschildert ist.
Die Beine sind noch sehr gut und ich bin schnell unterwegs. Leider ist die Ausschilderung zwar gut gemeint aber zumindest wenn man nachts unterwegs ist deutlich schlechter als bei PBP. Ich rausche an einem Abzweig vorbei und komme weit von der Strecke ab, zum Glück habe ich noch eine Karte für den Notfall dabei um mich zu orientieren. Nach etlichen Zusatzkilometern bin ich wieder auf der Strecke, im Hellen sind die restlichen km kein Problem mehr. Am Mittwoch Morgen um 5:51 Uhr komme ich trotz deutlichem Zeitverlust als dritter Teilnehmer im Ziel in London Loughton an und bin mit 69:36:30 h die zweitschnellste Zeit aller Teilnehmer gefahren, well done.

LEL 2013 DSC 9743 Market Rasen
Kontrollstelle Market Rasen (km 1151)
LEL 2013 0285 Ziel
Direkt nach Zielankunft im Fotostudio

Kurzes Fazit:
Nach desolatem Frühjahr bin ich vor allem durch die Gardaseetour und AlpenTour de France noch rechtzeitig gut in Form gekommen (wenn auch keine Topform und zu spät um eine lange Generalprobe in zügigem Tempo zu fahren). Das Fahren hat über weite Strecken Spaß gemacht, das Rennrad lief wieder sehr gut (auch kein einziger Plattfuß) und schnell unterwegs war ich auch noch, was will man mehr. Etwas Zeit fürs Fotografieren werde ich mir auch in Zukunft nehmen, auf Bonusmeilen kann ich dagegen verzichten. Aber wenn immer alles perfekt laufen würde, dann wäre das Brevetfahren ja auch etwas langweilig.
Vielen Dank an alle Helfer von LEL, alle die zuhause die Daumen gedrückt und mitgefiebert haben sowie für die Glückwünsche.

Inoffizielle kleine Statistik "Schnellfahrer" (vielen Dank an Axel König):

Zeit <70 h < 75h < 80h < 85h < 90h
Anzahl Fahrer 3 1 23 36 47

Fahrer unter 75h: Anco de Jong (Niederlande) 65:25, Armin Huber 69:36, Axel König (Deutschland) 69:42 und Igor Ilin (Russland) 73:13
Meine "Platzierung" an den Kontrollstellen (nach Gesamtzeit ab individuellem Start)

Kontrollstelle 1 2 3 4 5 6 7 8 Edinburgh 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 Ziel
"Platz"  78  80  34  22 31 20  16  10 10 9 9 5 8 5 4 4 2 2 2 2


Epilog
Ich erkundige mich nach Zielankunft kurz wo die anderen Pfeilfahrer stecken, Jochen wurde zuletzt abends in Barnard Castle bei km 933 gesichtet, Ingrid und Istvan in Brampton bei km 850. Dabei wird mir auch mitgeteilt dass Ingrid krank sei.
Am nächsten Morgen gehe ich vom Campingplatz zum Ziel und etwas überraschend für mich (da er in den ersten drei Nächten jeweils lange Schlafpausen eingelegt hat) fährt mir Jochen entgegen. Ich rufe ihm noch etwas wie "auf zum Zielfoto" zu und eile auf dem Fußweg zum Ziel. Als er nach einigen Minuten immer noch nicht da ist frage ich nach, er ist schon vor einer Weile im Ziel angekommen, hat in 94:43h gefinished und war also schon über die Fußweg-Abkürzung auf dem Weg zum Campingplatz. Er muss so kaputt gewesen sein, dass er mich gar nicht wahrgenommen hat.
Nachts um 1 Uhr ist dann auch Istvan im Ziel und kurz vor 4 Uhr können wir unsere große Kämpferin Ingrid in Empfang nehmen, die noch einen recht frischen Eindruck macht, ich freue mich sehr dass sie es geschafft hat.
Freitags ist dann nochmal ausruhen angesagt und am Samstag Sightseeing in London. Von einer Aktion ähnlich wie bei uns "autofreier Sonntag im Neckartal" mit 8 Meilen abgesperrter Strecke im Zentrum Londons haben wir im Vorfeld leider nichts erfahren. Aber auch so geniessen wir den Stadtbummel mit dadurch wenig Autoverkehr und mit Radrennen (Kriterium) direkt am Buckingham Palace vorbei gibt es abends noch einen richtigen Knaller zum Abschluß.

LEL 2013 0298th Istvan
Istvan im Ziel
LEL 2013 0363 Autorennen
Istvan und ich beim Autorennen mit Fahrradstrom -
die Zuschauer waren begeistert über den Speed


LEL 2013 0059th Start Ingrid
Ingrid am Start (links Andreas Schade)
LEL 2013 0388th Ingrid
Ingrid mit Finisher-Medaille vor der Tower Bridge

Gelb – Grün - Rot (Ingrid Strecker)
20 Spalten, 13 Zeilen in Excel. So soll ich fahren. Farben für die Profile: flach (grün), hügelig (gelb), bergig (rot) und für die Pausen: wenig (grün), mittel (gelb), viel (rot). Aha!
Da gibt es Standzeit, Startzeit, Nettozeit und Bruttozeit. Meinetwegen.
Ich hab’s ja verstanden: „nicht zu schnell fahren und die Pausen nicht zu lang machen“, dann passt’s. So der absolut richtige und fürsorgliche Rat von Andi. So der Plan.

Dann noch schnell die Einführung in die Orientierung mittels Navi; Track N1 bis N9 gehen nordwärts, das ist dann wohl nach Edinburgh und S1 bis S9 gehen südwärts, als zurück nach London. Okay, das kann ja nicht so schwierig sein. Außerdem gibt es zur Sicherheit noch das Roadbook: „X“ bedeutet Crossroads und „ForkL“ steht für take the left option where the roads split. Likely no obvious signage. Für schlechte Straßenbeläge gibt es da auch Hinweise (poor road surface), beim GPS-Track leider nicht. Einfacher wäre es auch gewesen die paar guten Straßen zu kennzeichnen. Was soll’s, das Rad ist neu und muss getestet werden.

Endlich geht es los, es läuft gut und macht Spaß, dann noch Rückenwind und noch mehr Spaß. Für die ersten drei Etappen zeigt mein Radcomputer ein Schnitt von 28,5 km/h an und schon bei der ersten Kontrolle bin ich nicht mehr im Plan. Auch durch ausgedehnte Pausen, kann die jeweilige geplante Etappen-Startzeit nicht erreicht werden. Bei der dritten Kontrolle in Market Rasen bin ich meinem Plan 3,5 Stunden voraus. Bei der 4ten Kontrolle in Pocklington ist die Pausenzeit rot = 5 Stunden, also Schlafpause. Da lieg ich nun auf meinem Luftbett und bin hellwach. Um mich rum die interessantesten Schlafgeräusche. Da hätte ich auch weiterfahren können. 3 Stunden 45 Minuten wurden als maximale Schlafzeit limitiert, dann ist Schichtwechsel.

Wie nach jeder Pause freue ich mich auf’s Weiterfahren. Jetzt kommen auch rote Etappen, die sich gar nicht wirklich bergig anfühlen. Noch nicht.
N7 endet in Brampton, meiner Lieblingskontrollstelle mit Massage. Der Masseur ist blind und soooo gut. Die Planpause in Brampton ist gelb, also 1 Stunde. Jetzt sind es zwar schon 2,5 Stunden, aber so richtig gestimmt hat der Plan bisher ja eh nicht. Die Landschaft wird schöner und abwechslungsreicher. Das Wetter ist perfekt, ab und zu sind die Straßen total nass, obwohl es nicht regnet (?).
Die (rote) Etappe nach Edinburgh ist anfangs herrlich, dann wird mir langweilig und ich beschleunige. Tempowechsel tut gut und überholen macht Spaß. Allerdings tut man das wohl nicht, werde ich später von Istvan ermahnt. Unnötige Energieverschwendung, das ist nicht ökonomisch.
Es geht bergig weiter und nachdem die Strecke ihren Wendepunkt hatte, kommt nun auch meiner. Den Durchfall konnte ich bisher erfolgreich ignorieren aber jetzt fühle ich mich schwach, fiebrig und wackelig. S1 zurück nach Brampton ist tiefrot und dreigeteilt. Bei der Kontrolle in Traquair bekomme ich Immodium gegen den Durchfall und bei der nächsten Kontrolle in Eskdalemuir muss ich mich ungeplant 1 Stunde hinlegen. Ich fühle mich krank, bestimmt ein bakterieller Infekt. Es kann auch Erschöpfung sein, hat Mary in Traquair gesagt, aber ich weiss doch wie sich ein Infekt anfühlt!
Wir fahren bis Brampton weiter, es dauert lange und ist eine Quälerei. So mache ich nicht weiter, krank kann man nicht Rad fahren, oder? Außerdem bin ich die Strecke, die jetzt kommt auch schon gefahren, wozu doppelt fahren? Ist es nicht auch schwieriger aufzuhören als einfach weiterzumachen? Bis Brampton habe ich mir alle Argumente zum Aufhören zurechtgelegt. In Brampton angekommen, teile ich Istvan meine Entscheidung mit, er muss nun alleine weiterfahren.

Es gibt jetzt keine Schlafzeitlimits mehr und ich lasse meine zuerst angegebene Weckzeit wieder streichen. „Don’t wake me up“. Warum schaut der so komisch? Essen, Duschen, Ohrenstöpsel rein...Schlafen ist wunderbar. Etwa 7:30 Uhr wache ich auf. Huch, der Schlafsaal ist ja riesig und total leer. Es ist Mittwoch, der 31.07. und ich fühle mich richtig gut (wohl doch kein Infekt). Leider ist kein Frühstück mehr da, nur noch Kaffee und ein trockener Riegel.
Die Atmosphäre ist auch total verändert. Eine Engländerin kommt reingerannt und zieht sich hektisch um. Sie redet nur von ihrem Zeitlimit und ist schon wieder weg. Zeitlimit? Wo ist mein Plan? Inzwischen hat mich mein Plan abgehängt, stimmt also wieder nicht. Ich rechne Kilometer und Zeiten hin und her und komme zu dem Schluss, dass es mir in meinem Zeitlimit noch reichen kann. Zwar nicht mit meiner Andi – Ankunftszeit aber vielleicht mit der Audax UK – LEL Endzeit. Und los.

Die wunderschöne Bergetappe nach Barnard Castle läuft prima. Gespräche mit Mitradlern beginnen nun meist mit „what’s your limit, still buffer?“. Ja, noch 1,5 Stunden Puffer, der dann aber auf 1 Stunde schmilzt. Nach der anstrengenden Nachtetappe nach Market Rasen gibt es dort kein Essen mehr, nur noch trockenes Toastbrot und erschöpfte Gestalten in Radklamotten. Schnell weiter, die nächsten Etappen sind grün, müssten aber dunkelrot sein. Die Farbe für Gegenwind.
Zum Glück finde ich eine prima Gruppe mit der ich auch die furchtbare Quälstrecke zur letzten Kontrolle nach Gt. Easton bezwinge. Das sind Schmerzen, alle jammern.

Bis ins Ziel braucht man noch 3 Stunden, wird uns gesagt. Was? Ich rechne noch mal – das kann verdammt eng werden. Ich habe jetzt das engste Zeitlimit, da meine drei Mitradler deutlich später gestartet sind. Sie möchten aber gemeinsam mit mir ins Ziel fahren und wir brechen zusammen relativ schnell wieder auf. Wir sind müde, es ist jetzt ca. 1:30 Uhr und wir fahren sehr langsam. Alex ist zwar fit, Sue bleibt jedoch zurück, schläft fast. Simon halluziniert und sieht Brücken über meinem Kopf. Da bin ich hellwach und teile Coffeintabletten aus. Wenn wir in dem Tempo weiterfahren, wird es nicht reichen. Ich möchte meiner Gruppe aber auch nicht davonfahren.
Wir werden wieder schneller und es läuft immer besser. Ich entspanne mich und genieße die letzten Kilometer ins Ziel.
3:52 Uhr geschafft, noch 1 Stunde und 3 Minuten Puffer – fast nach Plan.
Schön war’s und schnell vorbei. Wenigstens habe ich es ausgenutzt, mein Zeitlimit.

LEL 2013 0301 Ziel Ingrid LEL 2013 0302 Ziel Ingrid