Paris-Brest-Paris 2015 - das Beste geben

Geschrieben von Armin Huber / Andreas Herrmann.

PBP 2015 0040 320
Einige Pfeilfahrer beim Startbereich vorm Velodrom

Wir alle wollen Gewinner sein. Bei Wettkämpfen ist der Zweite schon erster Verlierer, hier aber bei der "Olympiade der Randonneure" ist es für jeden möglich Sieger zu sein. Wir alle sind im Endlauf und jeder kann das Ziel nach 1230 km im vorgegebenen Zeitlimit erreichen.
Alle 9 TeilnehmerInnen des RV Pfeil haben es geschafft, Andi und Armin berichten davon. 

Zuerst kurz die Statistik der gestarteten PfeilfahrerInnen sortiert nach Gesamtzeit

Startnummer Vorname Nachname Gesamtzeit Zeitlimit (h) bisherige Teilnahmen
X120 Armin Huber 53:32 84 2007 (57:07), 2011 (49:04)
X005 Ingbert Gerngroß 57:03 84 2011 (67:08)
Y095 Andreas Herrmann 63:43 84 2011 (67:08)
Y171 Alfred Schnabel 78:52 84 2007 (86:12), 2011 (67:08)
Y150 Martina Friess 79:03 84  
X064  Jochen Leissner 79:18 84  
X107 Jürgen Hengst 79:18 84  
Y140 Ingrid Strecker 81:06 84  
N187 Ralf Gschweng 89:20 90  

Links: Paris-Brest-Paris und Audax Randonneurs Allemagne
Insgesamt waren über 6000 Teilnehmer aus 66 Nationen angemeldet

Das Beste geben

Selbstverständlich sollte das Ziel eines jedes Teilnehmer sein, nach 1230 km das Ziel in Paris im Zeitlimit seiner gewählten Startgruppe, also 80, 90 oder 84h zu erreichen.
Und zur reinen Fahrtzeit kommen auch die Zeiten für Schlafen, Essen, Gewaltmärsche an den Kontrollstellen, Schlangestehen bei allem möglichem, Kleidungswechsel und sonstige Bedürfnisse hinzu, die Uhr läuft immer. Die Strecke selbst hat keine besonderen Herausforderungen, aber es gibt doch einige Abschnitte mit rauem Belag und insbesondere an den 360 Anstiegen (wenn auch durchschnittlich nur etwa 30 Hm) kann man sich durch unvernünftige Fahrweise selbstverständlich kaputt fahren.  
Es gibt dabei natürlich unterschiedliche Herangehensweisen, aber jeder kann nach seiner façon glücklich werden.
Für viele Teilnehmer ist es eine Herausforderung das Zeitlimit überhaupt zu schaffen, etliche sind am oder über dem Limit und das ist aus meiner Sicht auch die Hauptgefahr.
Kann ich unter dem Druck des Zeitlimits noch rational entscheiden, wann die Grenze erreicht ist, wo es durch Erschöpfung und Ermüdung unvernünftig, mit daraus resultierender unsicherer Fahrweise gar lebensgefährlich im Straßenverkehr wird oder sonstige bleibende Schäden drohen? Auch wegen der verkehrsarmen Strecke geht vieles glimpflich aus, aber habe ich bei einem Sturz wegen Einschlafen irgendeine Kontrolle darüber? Ich wünsche allen, dass sie für sich erkennen, wann die Grenze des Durchhaltewillens und der Beharrlichkeit zur Unvernunft überschritten wird.
Es ist kein Rennen, aber natürlich ist es auch erlaubt schnell zu fahren. Ganz zu Beginn 1891 startete PBP ja als Radrennen, und vielleicht ist auch diese Tradition der Grund, dass es hier ein größeres Wetteifern gibt und einige Teilnehmer auch mehr oder weniger alles dem Streben nach der persönlichen besten Zeit unterordnen.
Einige interessante Aspekte dazu beim Artikel Die Wettkampfseite des Randonneurssports (unten auf der Seite).
Das Beste geben ist für mich persönlich wie schon 2011 wieder schnelles Genußfahren, also Spaß haben, etwas Zeit fürs Fotografieren muss drin sein und bis spätestens Mittwoch Abend ankommen.
(Vom Finishen wird bei mir schon fast selbstverständlich ausgegangen und nein, ich möchte auf die Frage, wie lange ich gebraucht habe, nicht mit einer Zeit kurz vorm Zeitlimit antworten. Aussagen, dass einem die Zeit ganz egal wäre sind oft etwa so glaubwürdig, wie die starken Fahrer, die nur finishen wollen oder die Aussagen im Frühjahr, wie wenig man erst gefahren ist.)

Langstreckenpfeil Armins Paris-Brest-Paris 2015

Armins Bilder in größerer Auflösung auf Picasa: Kurzauswahl und großes Album (Link folgt noch)


Qualifikation und Vorbereitung
"Dont't try this at home", sollte man auch diesmal wieder vor der Nachahmung meiner Qualifikationsbrevets warnen.
Es begann mit einem Paukenschlag, als erstes am 25./26. März den 600er von Freiburg bis kurz vor den Mont Ventoux gefahren, nonstop noch über 300 km Fahrradrückfahrt bis Genf drangehängt und am nächsten Tag gleich den 200er beim Karl gefahren. Danach noch 300er und 400er (durch individuelle Fahrradhin/rückfahrt zum 700er verlängert) in Freiburg quasi als Vereinsausfahrt, sodass die Quali schon am 10. Mai beendet war.
Außer dem Belchen satt bin ich danach keine über einen "Sprint" hinausgehende Strecke mehr gefahren. Vor allem das mir oft zu heiße Wetter hat die Aktivitäten eingeschränkt, sodass es absehbar war, die sehr gute Form von 2011 nicht zu erreichen, nur mit Spaßradeln in der Komfortzone kann man keine Bäume ausreißen.
Terminlich geschickt platziert war aber wieder die Alpentour, einige Anstiege waren nicht nur sehr anspruchsvoll sondern vor allem landschaftlich der Hammer, zusätzlich durfte ich als Tourenführer auf den flachen Abschnitten vorne schön Tempo machen, es sieht doch nicht so schlecht aus 2 Wochen vor dem Start. Und neben der noch besseren Beleuchtung bin ich seit zwei Monaten auf meinem neuen Litening C68 erstmals mit Dura-Ace unterwegs.

Vor dem Start
Auch in der Winterzeit habe ich längere Touren gemacht ohne krank zu werden, und jetzt erwischt es mich eine Woche vor dem Start. Die mir viel zu hohen Temperaturen tun ihr übriges und ich fühle mich so schwach, dass ich schon überlege in Paris gar nicht zu starten. Aber es geht wieder etwas aufwärts und es gibt vor allem Hoffnung durch die Prognose auf ein bombastisches Wetter, trocken und kaum über 20 Grad, besser geht es gar nicht für mich.
Samstag Nachmittag ist Fototermin der deutschen Randonneure, viele bekannte und noch mehr unbekannte Gesichter, 522 sind angemeldet, davon 29 Frauen, 2 Fahrerinnen und 8 Fahrer des RV Pfeil (einer davon musste kurzfristig den Start absagen). Neben den Organisatoren spricht auch wieder der junggebliebene älteste Teilnehmer, für Friedhelm Lixenfeld soll es mit seinen 84 Jahren die vierte und letzte Teilnahme werden (auf spiegel.de).
PBP 2015 ARA

Am Sonntag dann Fahrradkontrolle und Startunterlagen abholen und Zuschauen beim Start der Teilnehmer mit 80h und 90h Zeitlimit. Interessant ist hier natürlich vor allem die Startgruppe der Spezialräder. Liegeräder, Velomobile (vollverkleidete Dreiräder), Tandems, Spezialräder bei denen man gar nicht in die Pedale tritt sondern seine Muskelkraft anders auf die Straße einbringt, zwei Italiener mit historischen Fahrrädern und auch die deutschen Tridem-Brothers sind mit dabei.

PBP 2015 0140 Tridembrothers
Die Tridem-Brothers
PBP 2015 0078 vorm Start
Kurz vor dem Start von PBP, erster Startblock

Los geht es ab 16 Uhr mit den Startblocks (jeweils 300 Teilnehmer im Abstand von 15 Minuten) der 80h-Fahrer, unter ihnen auch einige ganz ambitionierte Teilnehmer. Versorgung an den Kontrollstellen durch eigene Helfer quasi wie beim Boxenstop in der Formel 1, nur zur Kontrollstelle müssen sie noch selbst gehen, mit Brevet hat das für mich nichts mehr zu tun.
Aber diesmal geschieht das nicht für möglich gehaltene: Der Deutsche Björn Lenhard erreicht alleine nach 42:26h als Erster das Ziel, etwa 40 Minuten schneller als die erste Gruppe von 15 supporteten Fahrern.
Das ganze als Selbstversorger und mehr als die Hälfte der Strecke ohne Gruppe, eine ganz große Leistung, Bravo!!!
(die auf der Rückfahrt etwas bevorzugte Behandlung gegenüber den auf der Hinfahrt befindlichen Randonneuren sei im herzlich gegönnt)
Am liebsten würde man jetzt auch gleich fahren, aber bis auf Ralf starten wir alle erst am nächsten Morgen.
Also versuchen nochmal möglichst viel zu schlafen und ausgeruht an den Start zu gehen.

Hinfahrt nach Brest
Und dann geht es endlich los um 5 Uhr in der Dunkelheit, hinten im Feld zuerst sehr gemäßigt, bloß keinen Sturz an einer Verkehrsinsel oder den sonstigen zahlreichen Hindernissen auf den ersten Kilometern. Dann wird es schneller, im Pulk geht es zügig voran, der Schnitt geht langsam aber sicher auf über 30 km/h (und später bis auf 32). Der 30er-Schnitt, für viele Rennradfahrer ja ganz wichtig, gibt es beim Rennradfahren überhaupt einen anderen Sinn als den angestrebten Schnitt zu erreichen? Auch ich bin natürlich bestens im Bilde wie oft ich seit dem letzten PBP einen 30er-Schnitt gefahren bin, es waren genau 3 mal.
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Ingbert, Jürgen und Amin vorm Start
PBP 2015 0188 Armin
Armin unterwegs (kurz vor der ersten Kontrollstelle)

Jürgen und ich geben kurz Zwischengas um etwas weiter nach vorne zu fahren. Noch vor der ersten Verpflegungsstelle bei km 140 verlieren wir uns aber aus den Augen. Flaschen auffüllen, kurz aufs Klo und weiter geht es zusammen mit den Bayern Gerhard und Michael, beide waren auch bei London-Edinburgh-London (1419 km, Bericht von 2013) dabei und haben unter 80h gefinished. Nach 7h haben wir bereits die erste Kontrolle Villaines bei km 220 erreicht, 20 Minuten schneller als 2011.
Kurz danach schließt sich uns noch Steffi aus Hamburg an und wir rollen zu viert zügig aber kontrolliert gleichmäßig weiter. Zuerst überholen wir vereinzelt 90h-Fahrer, die bereits am Vortag gestartet waren, aber es werden im Lauf der Zeit immer mehr. Dennoch sind die Kontrollstellen noch relativ leer.
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Alles ist unterwegs (aber DNF bei diesem Teilnehmer)
PBP 2015 0223 Fahrradabstellplatz
Fahrradabstellplatz, noch relativ leer

Es läuft richtig gut und bei km 360 in Titeniac sind wir die ersten Teilnehmer unserer Startgruppe. Am Nachmittag ist es mit 25 Grad für mich schon grenzwertig warm. Und dann kommt uns kurz nach 19 Uhr schon der erste Teilnehmer entgegen, wie ich später erfahre ist es der als Randonneur fahrende Björn Lenhard, etwa 10 Minuten später folgt dann die supportete Meute.
In Loudeac bei km 449 sind wir dann voll im Hauptfeld der 90h-Fahrer, man hat schon Probleme einen Platz fürs Abstellen des Fahrrads zu finden, so voll ist es. Wenn man schnell fahren will ist es in der 84h-Gruppe abgesehen davon, dass man für <50h keine Gruppe findet, ein kleiner Nachteil, dass man auf der Hin- und Rückfahrt durch das Hauptfeld fahren muss. Vor der Verpflegung ist eine riesige Schlange, da wollen wir uns nicht anstellen.
Die anderen wollen sich in einem Restaurant verpflegen, mich zieht es aufgrund der perfekten Bedingungen und da ich ohnehin auch keine Schlafpause einlegen will schnell weiter, "all in".
Und so verlasse ich hier meine tolle Gruppe, sie werden Paris zu dritt nach 55:49h als nächstschnellste Teilnehmer der 84h-Startgruppe erreichen, Steffi bei ihrer ersten Langstrecke als schnellste Rennradfahrerin von PBP 2015 überhaupt, Chapeau!
PBP 2015 0197 Mitfahrer
Meine Mitfahrer Gerhard, Steffi und Michael (nein, es wurde nicht geschoben)

Als es langsam dunkel wird bin ich bereits 470 km gefahren, an der folgenden Geheimkontrolle sehe ich kurz Tilo und Tobias, die schon auf dem Rückweg sind, hier ist etwas weniger los und ich verpflege mich und unterhalte mich über die (neuen) Brevets in der Schweiz. Die Nachtfahrt macht richtig Spaß, mit meinem Edelux II bin ich auch sehr gut dafür ausgerüstet und muss nirgends wegen zuwenig Licht bremsen. Ich überhole viele am Vortag gestartete Teilnehmer, überraschend viele noch mit schwacher Beleuchtung unterwegs, da werden sicher einige große Augen gemacht haben, als sie von mir überholt wurden. Trotz eigentlich niedrigen Temperaturen fahre ich kurz-kurz, da es mir sonst zu warm ist um schnell zu fahren, Arm- und Beinfreiheit bringt Geschwindigkeit.
Die Kontrollstelle am Wendepunkt Brest erreiche ich nach 23:10h, über eine Stunde schneller als 2011. Die lange Fahrt in der Gruppe und die viel besseren äußeren Bedingungen haben die schlechtere Form bis dahin mehr als kompensiert. Die Kontrollstelle ist auch diesmal wieder eher enttäuschend und zur Verpflegung ist es ein längerer Fußweg.
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Carhaix, letzte Kontrollstelle vor Brest
PBP 2015 0247 Brest
Es gibt nichts zu sehen, fahren sie weiter (oder sollte man sagen zurück?)

Rückfahrt nach Paris
Ein Höhepunkt ist aber dann auf jeden Fall der höchste Punkt der Strecke am Roc’h Trévezel auf dem Rückweg in der Morgendämmerung, unter mit teilweise Nebelfelder.

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Morgendämmerung auf dem Rückweg am Roc’h Trévezel

Dann geht es in die lange Abfahrt, unten biegt Andi gerade von der geteilten Strecke in den Anstieg ein, letztes Mal hatten wir uns dort knapp verpasst. Kurz vor Carhaix kommt mir Ralf entgegen, er hat schon zwei Nächte hinter sich. An der Kontrollstelle treffe ich mehrere Bekannte, die ebenfalls noch auf der Hinfahrt sind. An einer weiteren Abfahrt kommt mir dann Ingrid entgegen, im deutschen Trikot erkenne ich sie erst aus der Nähe (sie mich im Pfeiltrikot schon deutlich früher, aber damit fahren dort auch nicht so viele). Auch nach 800 km kommen mir noch vereinzelt sonntags gestartete Teilnehmer entgegen, diese müssen schon weit aus dem Zeitlimit sein.
Nachmittags ist es wieder grenzwertig warm für mich, ich lege auch zwischen den Kontrollstellen Getränkestopps ein und genehmige mir ein Eis, aber es macht mir immer noch Spaß.
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Loudeac, km 780, immer noch Freude am Fahren
PBP 2015 0272 Fougeres
Burg in Fougeres

Ganz im Gegensatz zu den vielen begeisterten Menschen an der Strecke gibt diese selbst oft wenig her, zumindest im Vergleich mit manch anderen Brevetstrecken. Sehr sehenswert ist aber auf jeden Fall Fougeres mit seiner Burg im Tal und der Stadtmauer, die sie mit der Stadt auf dem Berg verbindet. Für eine ausgedehnte Besichtigung ist keine Zeit, aber ich halte zumindest an um einige Fotos zu schiessen.
Es wird langsam etwas zäher, aber ich erreiche trotzdem noch im Hellen die 1000km-Marke und meine Lieblingskontrollstelle in Villaines, hier gibt es immer eine Menge an Zuschauer, ein richtiges Volksfest, das motiviert einen nochmals. Gegenüber 2011 bin ich hier nur 12 Minuten später dran, also Kurs auf unter 50h, aber nicht wie damals noch voller Energie. Zunächst kann ich noch nochmal Tempo aufnehmen, aber schon bald geht nichts mehr, der große Substanzverlust durch die Vorwoche fordert seinen Tribut, mein Akku ist vollkommen leergefahren, die Nase läuft und zeitweise kommen noch Hustenanfälle dazu. Ich bin immer noch sicher und mit einigermaßen rundem Tritt unterwegs, bekomme aber kaum noch Druck aufs Pedal. An der nächsten Kontrollstelle, 140 km vor dem Ziel, lege ich eine längere Pause ein, schlafe etwas.
Langsam geht es weiter zur letzten Kontrolle in Dreux. Die Nacht ist vorbei, es sind nur noch 64 km und die Temperaturen noch angenehm. Das wichtigste aber ist, dass ich immer noch motiviert bin, sonst wird es ganz hart.
Auch die zwei etwas größeren Anstiege fahre ich locker hoch und es geht gegen Ende wieder besser, auf den letzten 5 Kilometern gibt es diesmal keine einzige Ampel, herrlich gegenüber dem ständigen Anhalten und wieder anfahren der beiden letzten Male. Nach 53:32h bin ich im Ziel, es ist geschafft und ich bin geschafft.
4:28h habe ich länger als 2011 gebraucht, praktisch alles auf den letzten 220 km, und trotzdem war ich wieder als erster der am Montag gestarteten Rennradler im Ziel.
PBP 2015 0288 Park
Durch den Park kurz vorm Ziel
PBP 2015 0290 Ziel
Armin im Ziel, geschafft

Nach dem Ziel
Nach der Zielverpflegung lege ich mich ins Schlafzelt, aber leider ist es dort schon zu warm für mich um richtig auszuruhen, zum Glück muss ich in der Hitze jetzt nicht mehr fahren.
Etwa 3,5h später kommt dann mit Ingbert der nächste Pfeilfahrer an, er sieht noch unverschämt entspannt aus.
Andi, der um 21 Uhr eintrifft sehen wir nicht mehr, die anderen Pfeiler werden erst am nächsten Tag ankommen und müssen da ab dem frühen Morgen noch länger im Regen fahren.
Kurz nach 12 Uhr kommen dann innerhalb von weniger als einer Viertelstunde Alfred, Ralf, Tina, Jochen und Jürgen im Ziel an. Nur Ingrid kommt noch zwei Stunden später an, hat es mit 81:06h aber auch sicher im Zeitlimit geschafft. Zu viert (mit Jürgen, Ingbert und Petra, die uns vor/nach dem Brevet bestens betreut hat, vielen Dank) machen wir noch Stadtbesichtigung, auch zu Fuß geht also noch.
PBP 2015 0296 Ingbert
Ingbert im Ziel
PBP 2015 0314 Alfred
Zieleinfahrt Alfred
PBP 2015 0329 Paris
Notre-Dame de Paris

Fazit:
Um es mit den Worten von Eddy Merckx zu sagen: Es hätte besser laufen können. Etwas schade, dass ich die fast perfekten Bedingungen nicht so richtig nutzen konnte und mich auch etwas quälen musste, aber ich bin angekommen (in meiner als Minimalziel gesetzten Zeit) und hatte die meiste Zeit Spaß am Fahren.  Dazu kommen natürlich noch die Erlebnisse vor, während und nach der Tour. Paris war auch diesmal wieder eine Reise wert, also dann bis 2019.



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Der Brummi-Express und die alten Weiber von Andreas Herrmann

Lockeres Einrollen


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Start Montag früh um 5.15h. Sehr gemütliches Anfahren in kleinerer Startgruppe. Als Paris endlich hinter uns liegt, zieht das Tempo merklich an und die Gruppen sich auseinander. Nach einer Pinkelpause verliere ich Ingrid und fahre mit meinem alten Brevet-Kumpel Michel weiter. Auch er schleppt momentan ein gutes Dutzend Kilos zu viel mit sich herum. Aber der Druck in den Beinen ist da. Bei mir auch. So pflügen wir als „Brummi-Express“ durch das leicht wellige Terrain und haben einen Riesenspaß.

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Nach 100 Kilometern haben wir uns „freigefahren“ und machen unser eigenes Tempo. Nehmen an den Anstiegen den Fuß vom Gas und lassen es dann krachen. Das geht so bis Tinteniac (km 360). Bisher haben wir inklusive aller Ess-, Laber- und Pipipausen immer noch einen 25,3er-Bruttoschnitt. Das kann sich sehen lassen.


Die Fahrt ins „Loch“
Auf dem nächsten Abschnitt wird es dunkel. Loudéac erreichen wir noch ganz passabel. Dann beginnt für mich die Fahrt ins „Loch“. Auch 2011 war es hier schon dunkel, es ist bergig und die Müdigkeit schlägt zu. Von hier sind es 160 Kilometer nach Brest und dann wieder zurück. Definitiv der schlimmste Streckenabschnitt.  Michel wird müde und legt sich auf einem Dorf-Marktplatz auf ein Bänkle. Ich solidarisiere mich. Nach zwanzig Minuten fange ich an zu zittern und wir fahren weiter.

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Aber kurz darauf sinkt mein wackerer Mit-Brummi direkt am Straßenrand zum nächsten Power-Nap nieder. Ich muss alleine weiterfahren, denn ich schlottere immer noch. Durch dichten Nebel, umwabert von atemberaubendem Schweinehof-Odeur, schlage ich mich zum Vorhof der Hölle durch – der Kontrolle in Carhaix.


Der Vorhof der Hölle
Hier treffen die Hin- und Rückwegler zusammen.  So muss es nach dem nuklearen Erstschlag aussehen. Überall liegen ohnmächtige Menschen in bunten, stinkenden Gewändern. Sie röcheln, furzen und brummen. Die wenigen Toiletten sind komplett überlastet, die Schlange vor der Essensausgabe verspricht stundenlange Wartezeiten.

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Ich vegetiere vor mich hin, kann mich aber nicht richtig erholen. Reihenweise treffe ich Bekannte in ähnlichem Zustand. Auch meinen Vereinskollegen Jürgen. Er hat – wie auch ich -überhaupt keine Lust mehr. Wir schimpfen ein bisschen und treffen natürlich trotzdem gemeinsam die Vorbereitungen zur Weiterfahrt. Gerade wollen wir los, da trifft Michel ein. Er sinkt aber gleich in einer Ecke zusammen, so dass wir alleine in die Kälte rausmüssen.


Rein ins „Loch“ - und wieder raus
Schnucklige fünf Grad erwarten uns und schon nach 10 Kilometern suchen meine Augen gierig nach einer Schlafgelegenheit. Ich habe ABSOLUT KEINEN BOCK MEHR. Es ergibt sich aber nichts, wir kurbeln weiter in Richtung zum höchsten Punkt der Strecke, dem Roc’h Trévezel. Da schießt uns bergab Armin entgegen, Vereinskamerad und Top-Langstreckler. Obwohl gerade die Sonne aufgeht, ist es saukalt, aber er fährt kurz-kurz in einem rasanten Tempo den Berg hinunter. Wir feuern ihn an und er winkt zurück. Gleich darauf sind wir oben und uns eröffnet sich ein wirklich zauberhafter Ausblick. Vor der aufgehenden Sonne breiten sich nebeldurchflutete Senken und glänzende Hügel aus. Dieses grandiose Bild weckt wieder die Lebensgeister in mir. Deutlich besser gelaunt geniessen wir die ewige Abfahrt, belohnen uns auf einem sonnenverwöhnten Marktplatz mit frischem Kaffee und einem Sack voller Frühstücks-Stückchen und steuern die imposante Hafenbrücke von Brest an.

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Dort treffen wir an der Kontrolle wieder auf Michel, der sich erholt hat. Unterwegs stopfen wir noch eine Pizza in uns rein, die mich endgültig wiederbelebt. Mein Glück ist perfekt, als ich wenig später meiner Frau Ingrid begegne, der es ebenfalls gut geht. Ich freue mich wie Bolle, sie so fit anzutreffen und bin mir sicher, sie wird die Tour entspannt zu Ende bringen. Derart beschwingt, fliegen wir zurück zur  Kontrolle nach Carhaix, betreten den Höllen-Vorhof nur zum Stempeln und schauen, dass wir durchs Schweinestinkeland möglichst schnell zurück nach Loudéac kommen. Die zweite Nacht droht!


Die Kaugummi-Nacht
Auch dieses Mal kommen wir nicht ungestreift am Marktplatz-Bänkle vorbei und dösen in der Dämmerung ein paar Minuten vor uns hin. Als wir Loudéac erreichen, bin ich erleichtert, dem „Loch“ ohne größere Zwangspausen im Schweinemief entkommen zu sein. Während der zweiten Nacht wollen wir unbedingt mindestens bis Fougères (ca. 310 km vor Paris) kommen. Es wird endlos.  Wir müssen immer wieder wegen Müdigkeit  anhalten, können aber wegen des vielen Betriebs auf der Straße nicht richtig wegdösen. Wir radeln im Koma-Tempo und was sich bergab wie 50 km/h anfühlt, ist beim Nachschauen auf dem Tacho gerade mal 25 km/h „schnell“. X-mal überholen wir die gleichen Gruppen, die dann plötzlich doch wieder vor uns sind, ohne dass wir kapieren würden, wo und wie sie wieder vor uns kommen konnten. Ich fange an alte Weiber mit Kraxen auf dem Rücken zu sehen. Es ist aber nur der Blumenschmuck am Straßenrand. In Tinteniac muss ich schlafen.

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Aber der Belgier neben mir auf dem Boden des Restaurants sondert ein dermaßen abartiges Sammelsurium von Geräuschen und Gerüchen ab, dass ich nach knapp zwei Stunden aufgebe und wieder in den Sattel hopse. Ich sehe Michel bei den Rädern, wir schaffen es aber nicht, gemeinsam die kurze Etappe nach Fougères zu absolvieren. Irgendwann können wir  unsere Ohnmachtsanfälle nicht mehr synchronisieren und beschließen, dass der Müde schläft und der Wache weiterfahren soll. Hilft ja alles nix…


Die Auferstehung
In Fougères treffe ich Michel wieder, es beginnt zu tröpfeln und wir wuchten uns gemeinsam den Anstieg aus der Stadt hoch. Plötzlich sehe ich ein unheimlich einladendes Stück Rasen neben der vielbefahrenen Straße. Ich halte an, jage Michel weiter und wickle mich in meine Rettungsdecke. Schlafe endlich – zum allerersten Mal -  wirklich ein. Die Brummis auf der Straße wiegen mich herrlich in den Schlaf.

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Keine Schnarch- oder Verdauungsgeräusche. Irgendwann erwache ich, die Sonne scheint, die Brummis brummen und die Vöglein zwitschern. Ich fühle mich gut – auch noch nachdem ich mir beim Startversuch mit dem Pedal mein komplettes Scheinbein aufreiße. Jetzt bin ich wirklich wach! Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich vielleicht zwanzig Minuten geschlafen habe. Bald sehe ich Michel neben der Straße liegen. Er reagiert aber nicht richtig auf meine Rufe, so dass ich ihn weiterdösen lasse. Ich werde ihn vor dem Ziel nicht mehr wiedersehen.


Die Triumphfahrt
Es läuft immer besser. Jetzt kommt er, der „God Mode“, der Endorphin-Rausch. Ich fühle mich unverwundbar und kann ohne fühlbare Anstrengung große Gruppen überholen. Nach zwei Stunden fange ich an, längst begrabene Pläne von einer neuen Bestzeit zu exhumieren. Ok, noch eine Pause zum Nudelessen in der phantastischen Kontrolle in Villaines-La-Juhel und dann mit der noch übrigen Bordverpflegung an Riegeln und Süßigkeiten nach Paris. Ohne größere Pausen und mit Vollgas. Der Plan geht perfekt auf.

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In Villaines genieße ich nochmals den tollen Service, als mir ein Kind das Tablett mit meinem Essen an den Platz trägt. Mit einem Glücksgefühl fahre ich den kommenden Wellen entgegen und schaffe es mein Hoch zu konservieren. Bald bin ich Mortagne. Nach einem Blitzstopp finde ich einen jungen Deutschen aus einer früheren Startgruppe, der noch richtig frisch ist. Mit ihm fahre ich die Hügel platt und veranstalte bis Dreux ein Paar-Zeitfahren. Genial!! 

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An der Kontrolle stelle ich fest, dass mein Hinterrad sich nicht mehr dreht. Sofort ist ein Mechaniker zur Stelle und zentriert kostenlos das Laufrad, während ich stemple und mich verpflege. Wir heizen weiter nach Paris. Ich treffe auf der Schlussetappe noch etliche Bekannte und es wird ein wahres Fest bis zur Zieleinfahrt.


Endlich im Ziel
Was für ein kümmerlicher Empfang abends um 21 Uhr. Kaum Leute, eine schäbige Einfahrt über schmale Schleichwege. Echt enttäuschend. Aber nur ganz kurz. Mir geht es hervorragend. Bis auf die üblichen starken Schmerzen in den Füßen gegen Ende fehlt mir nichts. Sitzprobleme gibt es fast gar nicht. Langsam realisiere ich, dass mir eine Endzeit von unter 64 Stunden gelungen ist. Über drei Stunden schneller als in 2011.

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Im Vorfeld hatte ich mir keine großen Gedanken über Zeiten und Strategien gemacht, da ich viel dicker als 2011 bin. Als Anhaltspunkt hatte ich ein Blatt mit den Durchgangszeiten von damals mitgenommen, an dem ich mich immer wieder orientiert habe. Es lief also absolut perfekt und, da mich auch keine allzu großen Zipperlein plagen, kann ich im Velodrom mit den Kameraden gemütlich zusammensitzen und auf weitere Ankömmlinge warten. Bald kommt auch Michel, der sich noch ein paar Schlafpausen gönnte. Auch alle anderen Vereinskameraden und vor allem Ingrid haben das Brevet im Zeitlimit gefinished und – das Wichtigste - die ganze Chose gesund und munter überstanden. Das super Gefühl hält seit Wochen an und ich freue mich schon auf das nächste Mal. Da jeder selbst erlebt hat, was alles in vier Jahren passieren kann, wird es spannend sein zu sehen, ob dann eine Bestzeitenjagd möglich ist oder angestrebt wird. A la prochaine!


Menschen, Räder, Sensationen !

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Fast 500 Amerikaner waren am Start. Hier das Kontingent aus San Francisco.             Die tapferen Taiwanesen


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Thailand!                                                                                                                        Raffinierte Taschen-Logistik der Chinesen und Japaner


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Liegerad für groß und klein.                                                                                             Auch er hat es in einer respektablen Zeit geschafft. Irre!

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Der nächste Hungerast ist immer der Schlimmste.                                                          Hauptsache es rollt