620 km in drei Akten

Geschrieben von Andreas Herrmann.

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Die Kühle der Nacht weicht und der Faktor trinken, trinken, trinken kommt hinzu. Endlich erreichen wir Landsberg am Lech. Herrlich mittelalterlich. Und um zehn Uhr morgens schon brütend heiß. Es erwartet uns ein Abschnitt, der das Prädikat „endlos“ mehr als verdient. Mehr als 50 Kilometer im Augsburger Umland. Flach. Heute leider mit ekelhaftem Gegenwind garniert. Eine wahre Folter für Popo und Hirn. Endlos!

Der Denkprozess wird abgestellt. Wir treten und trinken und schweigen. Wir treten im Stehen, der Popo zwickt. Wir treten im Sitzen, die Füße brennen. Wir unterhalten uns kurz darüber, wie endlos „endlos“ doch sein kann, aber es hilft ja nix. An der letzten Kontrollstelle in Wertingen – einer Tankstelle mit überaus hilfsbereiten Damen – treffen wir auf ein versprengtes Trüppchen unserer Mitradler. Momentan sind wir allesamt völlig platt. Die meisten haben einen oder mehrere Sonnenbrände. Die Palette der Zipperlein reicht vom Standard „Wunde Sitzfläche“ bis zum Klassiker “Zehen ohne Gefühl“. Das Übliche. Es wird auch eher nüchtern festgestellt als gejammert. So lange man noch weiterfahren kann, passt es schon…

Schlimmer ist da schon der Ausblick auf die letzte Etappe. Wir haben noch 74 Kilometer vor uns. Die ersten dreissig davon flach, was nach dem gerade Überlebten schon nervtötend genug wäre. Die letzten 45 halten aber noch fünf saftige Anstiege mit durchgehend zweistelligen Steigungen bereit. Das verspricht wirklich endlos zu werden. Wir fahren gemeinsam los. Nach wenigen Kilometern verlieren meine treue Begleiterin und ich aber die Geduld und beschleunigen. Wir wollen die „endlose Phase“ etwas endlicher gestalten. Dies gelingt uns überraschend gut, bis wir in Donauwörth an einem überschwemmten Straßenstück stranden.

ueberschwemmung Wir haben keine Energie mehr, nach Umleitungen zu suchen. So machen wir es, wie bei dem gefühlten Dutzend Baustellen davor: Augen zu und durch. 

Ich fahre einfach in die Suppe rein und hoffe, dass es nicht zu tief wird. Die ersten paar Sekunden achte ich noch darauf, dass meine Schuhe nicht nass werden. Nachdem aber direkt neben meinem Rad ein großer Fisch springt (eigentlich ist das hier eine Hauptstraße!), muss ich lachen und trete in die Pedale, dass das verirrte Donauwasser nur so spritzt.

Gestärkt durch die Abkühlung, packen wir das letzte Kapitel der „endlosen Phase“ an. 580 Kilometer sind geschafft. Die letzten 40 inklusive der 20 Bonuskilometer sollten die härtesten des gesamten Brevets werden. Nochmals 800 Höhenmeter, verteilt auf 5 Berge. Keiner unter 12 Prozent. Wir fragen uns, welche fränkische Bierspezialität bei der Planung zu solchen Exzessen geführt haben mag und treffen wieder mal auf Stephan, einen Begleiter, mit dem wir immer wieder längere Passagen gefahren sind.

Er ist Veteran und Lokalmatador, so kann er uns zu jeder Kotzrampe die Anzahl der Befahrungen in der Osterdorfer Brevetgeschichte, sowie alle jemals angedachten Varianten erklären. Faszinierend. Dermaßen unterhalten und abgelenkt nehmen wir Berg um Berg. An die Endlosigkeit denken wir längst nicht mehr. Sogar das hingebungsvolle Ausdenken geeigneter Foltermethoden für den Verursacher unserer Pein – den Streckenplaner Karl – tritt völlig in den Hintergrund.

Wir leben im Moment und genießen ihn. Alle freuen sich diebisch auf den letzten 14%er von Pappenheim aus dem Altmühltal hinaus. Denn wir haben es gleich geschafft. Die Endlosigkeit ist besiegt.

 

Wir sind in Osterdorf - Ziel unserer Träume während der letzten 35 Stunden - angelangt. Alle drei Phasen dieses 620-Kilometer-Rittes haben wir intensiv erlebt und gelebt. sieger

 

Dankbar verdrücken wir die Gulaschsuppe und das eine oder andere Erfrischungsgetränk in der heimeligen Randonneurs-Zentrale in Osterdorf. Ein warmes, zutiefst befriedigendes Gefühl setzt ein. Nach ausgiebiger Dusche und mehrfacher Zahnhygiene ist fast nichts mehr von den scheinbar unerträglichen Beschwerden der „endlosen Phase“ übrig geblieben. Es fühlt sich einfach gut an. Nur, was wirklich hart erarbeitet wird, ist auch etwas wert!

 

Danke Osterdorf, danke liebe Familie Weimann. Wir kommen sicher wieder. Vielleicht finden wir ja noch die eine oder andere zusätzliche Phase, die sich möglicherweise in einem 1000-Kilometer-Brevet versteckt hält!