Challenge Roth 2011

Geschrieben von Jörg Rinderknecht.

Erlebnisse des Triathlon-Neulings und Pfeil-Tourenführers
Jörg Rinderknecht

Vor drei Jahren entschied ich mich, etwas Neues zu versuchen. Ich setzte mir das Ziel, in drei Jahren eine Triathlon Langdistanz zu finishen. Bis dahin fuhr ich hauptsächlich Rennrad. Nicht mehr als dreitausend Km im Jahr. Ich konnte kaum Kraulen, und zum Laufen war mir die Zeit zu schade. Einmal im Leben einen Ironman machen. Oder was man landläufig damit verbindet, denn IRONMAN ist ein Label und kein Garant für eine bestimmte Distanz. So ist der Ironman Roth kein Ironman, sondern eine CHALLENGE. An den Distanzen ändert das aber nichts: 3,8km Schwimmen, 180km Radfahren und 42km Laufen. In diesem Jahr hatte der Wettkampf sein zehnjähriges Jubiläum. Der perfekte Start für einen Neuling.
Es ist Freitag, der 8 Juli. Hier, bei Nürnberg ist alles Triathlon. „Welcome Triathletes“ - 10 Jahre Challenge, und ich bin dabei. Ab Samstag werden auch meine Freundin Eli und meine Eltern in der Nähe sein. Sie habe sich eine Ferienwohnung genommen. So ist genügend Abstand und doch Nähe, denn ich bin angespannt. Etwas verspätet komme ich in Roth an. Moni, Bernd und Roland vom Post-SV Tübingen treffe ich in der Schlange zur „Racebeutel“-Ausgabe. Bernd Gugel, der auch bei der Tübinger Feuerwehr ist, hat seine Kontakte genutzt und uns im alten Feuerwehrhaus in Roth, 500m vom Ziel entfernt, untergebracht. Bis wir unsere Beutel endlich haben, vergehen eineinhalb Stunden. Dann ab zur Nudelparty. Wir laden uns die Teller mehrmals voll, begeben uns schließlich mit runden Bäuchen zur Feuerwehr. Beutel aus– und umpacken, Räder zusammenbauen und bestaunen. Tipps und Neuigkeiten werden ausgetauscht. Alle drei sind erfahrene Athleten, von denen ich viel lernen kann. Moni war bereits zweimal in Hawaii. Von Roland höre ich einen Satz, der später nochmals von Bedeutung sein wird: „Beim Radsplitt nehme ich immer mindestens vier Bars und sechs Gels zu mir.“

Samstag, 9. Juli. Auf der Triathlonmesse kaufe ich mir noch einen neuen Verschluss für die Lenkerflasche. Weil mein Rücken seit einer Woche schmerzt und krampft, lasse ich mir meinen Lendenbereich tapen – Placebo?? Irgendwann wird mir der ganze High-Tech-Wahn zu viel. All die Carbonrahmen jenseits der 3000 € Grenze. Ein wenig zu viel Style und Kommerz für mich. Sarah und ihr Freund Dominik, der sie supportet, sind inzwischen angekommen und deshalb machen wir uns mit unseren Rädern und Beuteln auf, zur Wechselzone in Hilpoltstein.
Glücklicherweise kennt Bernd eine gute Abkürzung, so können wir einem Stau entgehen und wertvolle Zeit sparen. Ich hänge mein Rad an die vorgesehene Stange, schaue mir die Anlage an, laufe den Weg vom Ausstieg zu meinem Rad: Das wird morgen eine Weile brauchen: ich muss Deutschlands teuerste Wiese komplett queren, vorbei an 3800 Fahrrädern.
 

Die Nacht schlafe ich gut und bin gleich fit, als der Wecker um vier Uhr klingelt. Lars, ein Feuerwehrmann aus Roth, fährt uns um fünf Uhr zum Start – total nett! Ich habe jetzt zwei Stunden Zeit. Während die Profis und dann nach und nach meine Vereinskollegen erst in ihren Neoprenanzügen, dann im Main-Donaukanal verschwinden, prüfe ich mein Rad: pumpe die Reifen auf, klebe Powerbars auf den Rahmen, fülle die Trinkflasche auf. Die Stimmung ist eine Klasse für sich. Pathetische Musik dröhnt aus den Lautsprechern, der Moderator heizt die Stimmung an, gutes Wetter, viele Topathleten. Das macht Spaß. Als ich mich auf den Weg zum Schwimmen mache, sind die Profis schon auf der Straße. Zu meiner Überraschung treffe ich noch Eli und meine Eltern. Ich bin nervös, meine Mutter ist noch nervöser. Wir machen ein paar Bilder. Dann ins Wasser. Ein paar Kräftige Züge bringen mich an die Startlinie. Anspannung. Jubelnde Zuschauer. Die Kanone gibt das Signal zum Start.

Da ich das erste Mal dabei bin, starte ich in der letzten Gruppe. Ich lasse mir Zeit, finde meinen Rhythmus und mein Tempo. Es hat viel Platz im Wasser. Kein Geklopfe und Gehaue. Es läuft gut und ich lasse meine Gruppe hinter mir. Da verschiebt sich meine Schwimmbrille. Etwas hektisch ziehe ich sie ab und wieder auf. Sogleich wird eine Gruppe Ersthelfer auf mich aufmerksam. Ich schwimme so zügig weiter, dass klar ist: „alles in Ordnung.“ Eine Stunde später werden die Ersthelfer nicht schnell genug sein können. Ein Schwimmer der Staffel wird einen Herzstillstand erleiden und sterben. Von dieser Tragik wird der schöne Tag am Ende dann doch noch überschattet werden.

 

Unglaublich. Mein Blick geht immer wieder ans Ufer: überall sind Menschen. Selbst beim Schwimmen werden wir angefeuert. Das habe ich noch nie erlebt. Dann wummert das Wasser. Ich schwimme am Ziel vorbei. Jetzt ist es nicht mehr weit. Eine Boje noch, zurück und dann mit Speed an den Rand. Das Wechselzelt ist voll. Der Boden inzwischen ein Sumpf. Irgendwie schaffe ich es, den Pulsgurt anzuziehen, entscheide mich, die Socken mit zum Rad zu nehmen. Dort ziehe ich sie an, nehme das Rad und es geht zur Strecke. Dummerweise hatte ich versäumt, den Klett an den Schuhen entsprechend zu richten. Jetzt finden meine Füße nicht den Weg hinein, ich eiere herum, fahre auf, nicht in den Schuhen los. Erst nach 300m fädeln die Füße ein.

 

Endlich wird die Strecke übersichtlich, und ich fange an zu überholen. Ich überhole überhaupt nur. Ich weiß, dass das daran liegt, dass ich in der letzten Gruppe gestartet bin. Aber es motiviert!

 

Die Stimmungsnester sind unglaublich. Überall sind Wagen und Anlagen aufgebaut. Sprecher und Menschen feuern uns an. Das macht Spaß!! Irgendwann dann höre ich: „Du bisch doch der Jörg aus Tibinge“. Andreas, ein Pfeiler, hat mich entdeckt. Nach kurzem Gespräch sind wir uns einig, dass wir „reinhalten“ wollen. Und das machen wir auch. Im sicheren Windschattenverbotsabstand fahren wir ca. 20m hintereinander her. Schnell wird klar: sobald es bergauf geht, bin ich die Lokomotive. Auf der Ebene kann Andreas mächtig Druck machen, und ich muss schauen, dass ich ihn nicht aus den Augen verliere.

 

Km 75, Solar. Der Berg. Ich fahre hinein, in den Sog aus grölenden Menschen, die mich mit ihren anfeuernden Rufen den Berg hochkatapultieren. Unglaublich. Das Spalier wird immer enger. Die Stimmen lauter. Einfach Geil. Andreas ist weg. Es geht auf die nächste Runde. Gut 100 Radkilometer liegen hinter mir. Der Tacho zeigt 34 km/h Durchschnittstempo. Ich will etwas langsamer machen. Dann ist Andreas wieder da. Zieht an mir vorbei. Ich kann nicht richtig mit, fange an zu kämpfen. Es will nicht mehr richtig laufen und dann ist da jetzt auch noch dieser Gegenwind. Plötzlich fallen mir wieder Rolands Worte ein: „ich esse mindestens vier Bars und sechs Gels auf der Radstrecke“. Meine Bilanz bis dato: Eineinhalb Bars. Also lege ich Gels nach. Eines, noch eines. Und dann läuft es auch wieder. Langsam kommt Andreas wieder in Sichtweite, bis zum Solarer Berg sind wir wieder zusammen. Andreas fährt vor, doch ich schlüpfe vor ihm in das Spalier. Es läuft. Oben ist Andreas wieder weg. Jetzt will ich`s wissen, gebe nochmal richtig Gas. Da meldet sich doch noch mein Rücken. Ich kann keinen Druck mehr aufbauen und segle dahin. Andreas holt mich wieder ein, aber ich kann nicht dran bleiben. Der Rücken wird nicht besser und ich dümple langsam vor mich hin. Noch nie hatte ich mich aufs Laufen gefreut – jetzt freute ich mich sogar auf den baldigen Marathon. Im nächsten Stimmungsnest sehe ich Eli und meine Eltern und winke. Ich bin froh, die drei zu sehen, irgendwie gibt das Kraft.

 

In Roth wird einem das Rad abgenommen, dann geht’s schnell in die Wechselzone. Zeitgleich setze ich mich mit einem anderen Athleten auf eine Bierbank. Eine Helferin kommt und hilft uns. „Wollt Ihr noch Sonnencreme“ wir nehmen das Angebot an und werden geweiselt.

 

Das Laufen klappt überraschend gut. Ich laufe nicht wirklich gern. Aber noch tut nichts weh und mein Schritt scheint ordentlich zu sein. Alle zwei km gibt es eine Markierung und ich berechne, dass ich weniger als sechs Minuten für den km benötige. Das hätte ich nicht erwartet. Dann hole ich Bernd ein, der schon einige Monate Probleme mit seinem Rücken hatte und deshalb auch nicht trainieren konnte. Auch auf der Laufstreck ist die Stimmung unglaublich. Überall wird man angefeuert. Bei km zwölf passiert es dann doch: Mein linkes Knie beginnt zu schmerzen. Ich halte es noch eine Weile aus, versuche verschiedene Lauftechniken, verändere den Schwerpunkt meines Oberkörpers, dehne mich immer wieder und drücke auf die Kniescheibe. Mist. Der Schmerz wird so stark, dass ich gehen muss. Ich kann relativ zügig weitermachen. Aber jetzt werde ich aufgelaufen. Das tut weh! Endlich treffe ich Eli und meine Eltern. Eli begleitet mich ein paar Meter. Immer wieder versuche ich, erneut ins Laufen zu kommen. Doch der Schmerz holt mich stets wieder ein. Inzwischen hat sich der Himmel verfinstert und möchte zu einem Feuerwerk anstimmen. Das ist mir gar nicht recht. Endlich, sechs oder sieben km vor dem Ziel merke ich, dass die Schmerzen erträglich sind, wenn ich das linke Bein sehr weit anhebe und immer wieder anferse. Juhu! Ich komme wieder in Schwung. Und wie! Blitze und Donner können unheimlich motivieren. Ich laufe in Roth ein. Doch die Strecke führt erst noch in den Ort hinein. Da öffnen sich die Himmelsschleusen. Unglaublich, was da runter kommt. Und wer kam überhaupt auf die blöde Idee, die Laufstrecke noch so weit in den Ort hineinführen zu lassen? Das Kopfsteinpflaster gibt meinem Knie den Rest. „Noch tausend Meter“ denke ich mir und laufe weiter. Dann der rote Teppich. Es ist dunkel vor Wolken. Ich juble, biege in die Zielgerade ein. Bei 11:27:10 bleibt die Uhr stehen. Geschafft. Vor drei Jahren hatte ich nicht wirklich geglaubt, dass ich das mal schaffen werde.

Irgendwie finden mich Eli und meine Eltern. Sie sind so nass wie ich. Nach Glückwünschen machen sie sich auf den Weg. Essen, duschen, Sanis rufen, weil hier und da mal wieder jemand zusammengeklappt ist. Für die Massage nehme ich mir keine Zeit mehr. Dann treffe ich Bernd. Erfahre, dass Roland leider aufgeben musste, Sarah unglaubliche 10:30 gebraucht hat und Moni gut ins Ziel kam. Ich mache mich auf, zur Wechselzone, hole mein Rad und die Beutel. Dort treffe ich einige Athleten. Alle sind glücklich und stolz. Ich selbst bin überrascht, wie gut ich mich noch fühle. Wahrscheinlich war es der zur Langsamkeit gezwungene Marathon, der mir zwischendurch wieder zur Erholung verhalf. Leider treffe ich Andreas nicht mehr. Ich frage mich, wie es ihm weiter ergangen ist. Sicher sehe ich ihn mal wieder beim Samstagstreff. Einmal im Leben eine Langdistanz. Mal sehen…