Paracycling-WM: Steffen Warias siegt!

Geschrieben von Weltmeister.

Seit der WM im Paracycling am 22.08.2010 fährt RV Pfeil-Mitglied Steffen Warias im Regenbogentrikot. Mit einem fulminanten Schlusssprint siegte Newcomer Steffen und wurde Weltmeister in der Klasse C3. Lest hier seinen Bericht von der Paracycling-WM 2010 in Baie Comeau / Kanada.

 

Nach der Nominierung zur Paracycling Weltmeisterschaft trainierte ich noch intensiver. Ich feilte an mindestens 5 Tagen die Woche an meiner Form. Eine Woche Trainingslager in Denzlingen bei Freiburg mit den anderen WM Teilnehmern war ein weiterer Höhepunkt in der Vorbereitung. Ein paar Tage bevor die Reise begann gewann ich noch ein Clubrennen in Basel und ich wusste schon, dass die Form sehr gut war.
 
 
Bevor wir nach Kanada reisten mussten erst noch die Räder verpackt werden. Es stellte sich heraus, dass dies schon ganz schön lange brauchte bis beide Räder sicher verpackt waren.
Am Sonntag den 15. August flogen wir von München nach Montreal. Dort übernachteten wir eine Nacht und konnten leider so gut wie nichts von der Stadt sehen. Am Montag ging es mit einer kleinen Propellermaschine ins ca. 800km entfernte Baie Comeau.

 

 
Baie Comeau liegt direkt am St Lorenz Strom in der Provinz Quebec und ist mit 20 000 Einwohnern relativ klein und für unsere Verhältnisse liegt es ganz weit draußen.
 

 

Am nächsten Tag kam dann endlich auch unser Gepäck und unsere Räder an. Das Gepäck wurde am Sonntag in einen Laster geladen und nach Baie Comeau transportiert, ein unglaublicher logistischer Aufwand bis alles Material und alle Leute des Teams an Ort und Stelle waren. Das deutsche Team, welches das erfolgreichste der WM war, bestand aus insgesamt 40 Personen davon 21 Sportler.

<<< Steffen vorn, links neben der Flagge

 
Nachdem wir die Räder mithilfe unsere Mechaniker zusammen gebaut hatten, ging es für mich zur Klassifizierung. Ich wurde in die Kategorie C3 einklassifiziert. Beim Klassifizieren wird man von mehreren Ärzten angeschaut und es werden verschieden Mobilitätstests durchgeführt. Dann endlich konnte ich die Strecke anschauen und die Strecke war wirklich hart!

 

 

 

Ein Rundkurs von 11,4 km mit 160 hm, davon ca. 100hm am Stück. Allen war klar die Rennen hier werden super hart! Und am Berg wird die Entscheidung fallen. Doch mir gefiel die Strecke, als guter Bergfahrer kam sie meinen Fähigkeiten sehr entgegen.

Die Zeit in Kanada verging rasend schnell und so ging es am Mittwochabend zur Eröffnungsfeier. Diese war leider ein wenig langweilig und nicht so spannend wie gedacht, jedoch war es toll dabei zu sein. Im Team wurde ich sehr gut aufgenommen und wir hatten sehr viel Spaß.

Die ersten Wettkämpfe starteten am Donnerstag. Für mich hieß es jetzt nochmals Kräfte sammeln für das morgige Zeitfahren.

 

Endlich kam ich zu meinem ersten Einsatz bei einer WM. Ich durfte mich mit den besten Fahrern der Welt messen. Nach dem Einfahren auf der Rolle fuhr ich zur Startrampe. Dort oben war ich hochmotiviert und atmete nochmals kräftig durch, bevor ich abgezählt und auf die 2 Runden geschickt wurde. Die erste Runde ging ich zu schnell an, so dass mir schon nach der ersten Runde alles schmerzte. Die zweite Runde und der zweite lange Berg war echt richtig schwer. Im Zeitfahren wurde ich Achter mit 1:38 Rückstand auf den Ersten. Zur Bronzemedaille fehlten mir 42 Sekunden. Mit dem Zeitfahren war ich zufrieden, ich hatte vor allem Zeit im Flachen verloren, dies bedeutet dass ich am Berg hoffentlich mithalten konnte.

 

Dann folgte am Samstag das Straßenrennen über fast 60 km, das Rennen auf welches ich mich so lange vorbereitet hatte. Der eigentliche Trainingsstart erfolgte schon Ende Oktober, das bedeutet dass ich mich ca. 10 Monate auf dieses Rennen vorbereitet hatte und die letzten Monate hatte ich wirklich hart trainiert.

 

Das Fahrerfeld war mit 60 Fahrer stark besetzt, es wurden drei unterschiedliche Klassen gleichzeitig gestartet. Die Fahrer waren aus der ganzen Welt gekommen um sich hier zu messen. Ich stellte mich in der ersten Reihe auf um gleich dabei zu sein, sollte sich schon direkt nach dem Start eine Gruppe lösen. Die ersten Runden wurden dann doch nicht so extrem schnell gefahren, jedoch wurde das Feld immer kleiner. In der dritten Runde löste sich dann eine Gruppe von fünf C2 Fahrer (man kann an der Helmfarbe die unterschiedlichen Klassen unterscheiden).

Am Berg lösten wir uns dann vom Feld und konnten oben am Berg zu den C2 Fahrern aufschließen. Damit waren nun drei C3 Fahrer in der Spitzengruppe und ich war dabei. Wir acht Fahrer arbeiteten dann gut zusammen um uns weiter absetzten zu können. Es waren noch anderthalb Runden zu fahren und ich war in der Spitzengruppe. Das Rennen lief super. Als wir auf die letzte Runde fuhren, hatten wir einen Vorsprung von mehr als 30 Sekunden und ich wusste dass ich eine gute Chance auf eine Medaille hatte.

 
Der letzte Berg wurde dann nochmals Vollgas gefahren, ich konnte mich aber in der Spitzengruppe halten. Als wir dann 2 km vor dem Ziel 45 Sekunden Vorsprung hatten war klar, dass wir die Medaillen unter uns ausmachen. Aber jetzt wollte natürlich jeder noch mehr. Diese Chance hatte ich mir nicht mal erträumt. Zirka 500 Meter vor dem Ziel zog der Franzose an, der Italiener folgte am Hinterrad und an dessen Hinterrad klebte ich. Dann 200 Meter vor dem Ziel zog der Italiener an, ich immer noch am Hinterrad. Ich wartet noch ein paar Sekunden ab und zog dann aus dem Windschatten am Italiener vorbei und konnte ihn auf der Zielgeraden absprinten.
 
Ein unglaubliches Gefühl als erster über die Ziellinie zu fahren.
 

 

 

Die Freude im Team war riesig und alle freuten sich mit mir. Die Siegesehrung war wirklich einzigartig, obwohl ich es noch gar nicht realisieren konnte. Aber ich war Weltmeister und bekam das Regenbogentrikot und die Goldmedaille!

Unglaublich!

 

Danach durfte ich noch ein Fernsehinterview geben und wir machten viele Fotos. Michael Teuber konnte im Rennen der C1 die Goldmedaille gewinnen, somit gab es an diesem Tag zwei weitere Goldmedaillen für das deutsche Team.

<<< Steffen, Bundestrainer Adelbert Kromer, Paralympics-Sieger Michael Teubner (v.l.n.r.)

 
Den ganzen Abend wurde gefeiert und am nächsten Tag folgte nochmals ein Megaprogramm. Ich schaute mir noch entspannt andere WM Rennen an, dann wurden die Räder und Gepäck gepackt, alles musste ja wieder zurück nach Montreal um dann mit uns nach München zu fliegen. Die Abschlussfeier war wirklich schön und alle vom deutschen Team konnten mit ihrer Leistung sehr zufrieden sein und ich war natürlich überglücklich.
 

 

Der Heimweg nach Tübingen dauerte noch ca. 30 Stunden und war sehr anstrengend, aber es war eine echt tolle und sehr erfolgreiche Reise nach Kanada.

Hiermit möchte ich mich auch bei meiner Familie und beim Team bedanken, ohne deren Unterstützung dieser Erfolg nicht möglich gewesen wäre.

 
Fotos: Bernd Lang + Steffen Warias

Zum Kurzbericht direkt nach dem Sieg und dem Artikel im Schwäbischen Tagblatt geht es hier