Paris-Brest-Paris

Geschrieben von Armin Huber.

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Kontrollstelle Villaines (km 222) - Brest (km 615)
An der Kontrollstelle Villaines stelle ich das Fahrrad ab und gehe hinein zur Stempelstelle. Die Karte wird mit dem Magnetstreifen durch das Lesegerät gezogen (für die Live-Information im Internet) und ich bekomme der ersten Stempel in mein Kontrollbuch. An dieser Kontrollstelle ist der Fußweg bis zum Abstempeln noch angenehm kurz, später artet er teils fast in einen Marathon aus.
Verpflegung habe ich noch genügend dabei und so sitze ich auch gleich wieder auf dem Rennrad und bin wieder als Einzelfahrer unterwegs.
Meine erste "Verpflegung" erhalte ich jedoch nur wenig später in Form einer Banane von einem Zuschauer in einer Ortsdurchfahrt. Ich schnappe mir die Banane im Fahren, was noch mit einem kleinen Zusatzapplaus honoriert wird.
Die Zuschauer machen auch einen Großteil der Faszination an diesem Langstreckenereignis aus. Neben dem Klatschen wünschen einem viele eine "Bonne route", "Bon voyage" (gute Fahrt) oder "Bon courage" (Machs gut, halt die Ohren steif). Das beim Radrennen gebräuchliche "Allez, allez" ist eigentlich nur von jüngeren Zuschauern zu hören. Egal ob Mann oder Frau, Franzose oder Ausländer, jung oder alt, schnell oder langsam, hier wird jeder angefeuert. Mancher Zuschauer ist die Strecke wohl auch schon selbst gefahren und weiß die Leistung der Fahrer und Fahrerinnen umso besser einzuschätzen.
Der Himmel ist praktisch über die gesamte Teilstrecke sehr stark bewölkt, die Straße ist aber meist trocken. Auf diesem Stück komme ich am ersten Unfall vorbei, ein Japaner (die erstaunlicherweise mit über 100 TeilnehmerInnen am Start sind) liegt in einer Rettungsdecke hinter der Überquerung einer stark befahrenen Straße. An der Unfallstelle sind der Rettungsdienst und mehrere Landsleute. Der Zusammenhalt scheint hier, vielleicht auch durch eine weite gemeinsame Anreise, sehr groß zu sein, in diesem Teilstück überhole ich auch mehrere Grüppchen von Japanern. Ich befinde mich jetzt schon mitten in der 90h-Gruppe, die zu diesem Zeitpunkt aber schon über eine Strecke von weit über 100 Kilometer verstreut ist.

Mit einem 28er Schnitt bin ich alleine weiter ordentlich unterwegs und erreiche nach 11:20 h die Kontrollstelle Fougeres (km 310).
Nachdem ich bisher praktisch durchgefahren bin, ist jetzt die Zeit für eine richtige Pause. Ich stemple an der Kontrollstelle ab und fülle kurz darauf meine Versorgungsvorräte durch einen Einkauf in einem Laden auf. Ich nehme mir die Zeit zum gemütlichen Essen und Trinken und unterhalte mich dabei mit ein paar deutschen Randonneuren aus der 90h-Gruppe. Nach einer halben Stunde fahre ich dann weiter.
Auf dem nächsten Teilstück "duelliere" ich mich mit einem deutschen Liegeradfahrer über viele Kilometer, auf denen wir uns mehrfach gegenseitig überholen. Bergab und im Flachen ist er deutlich schneller, sobald es etwas länger ansteigt habe ich wieder die Nase vorn.
Selten finde ich Mitfahrer und das dann auch nicht über eine längere Zeit, wobei manche auch nur eine Weile in der Ebene am Hinterrad lutschen ohne selbst Führungsarbeit zu machen.

Auch auf diesem Teilstück fahre ich weiter meinen 28er Schnitt und erreiche nach 14:00 h die Kontrollstelle Tinteniac (km 364,5).
An dieser Kontrollstelle komme ich bereits eine Stunde vor meinem Vereinskollegen Michael aus Kanada an, den ich wohl an der vorherigen Kontrollstelle "überholt" habe. Wegen Fuß- und Magenproblemen gibt er nach 525 km auf, dennoch ist es für ihn wie bei seiner erfolgreichen Teilnahme 2003 wieder ein tolles Erlebnis. Schön dass es auch noch viele Radfahrer gibt, die sich nicht nur am nackten Ergebnis orientieren.
Obwohl ich nur abstemple, steht mein Fahrrad aufgrund des aufwendigen Wegs zur Stempelstelle ganze 10 Minuten still. Da ich die nächste Kontrollstelle noch bei Tageslicht erreichen will, fahre ich dann auch sofort weiter. Nachts wird es noch genügend Zeit für längere Pausen geben. Auch in diesem Abschnitt ist es meist trocken, ich bin mit unverminderter Geschwindigkeit unterwegs und überhole viele Gruppen und Einzelfahrer.

In der Dämmerung erreiche ich nach 17:24 h die Kontrollstelle Loudeac (km 449,5). Angesichts des sehr wenigen Schlafes vor dem Start ist es bisher gut gelaufen und mein Ziel des Ankommens vor der dritten Nacht realistisch. Da es nach dem Abstempeln ohnehin dunkel ist genehmige ich mir jetzt eine längere Verpflegungspause.
In den Orten der Kontrollstellen sind zu jeder Zeit viele Leute unterwegs, zum einen die vielen freiwilligen Helfer an der Kontrollstelle selbst und Zuschauer, zum anderen die FahrerInnen der Verpflegungsfahrzeuge der Teilnehmer.
Neben der Warnweste ziehe ich auch noch die Jacke und die Knielinge an und es geht weiter. Gegenüber der bisherigen Strecke sinkt mein Tempo auf diesem Abschnitt, auf dem auch an einer Geheimkontrolle abgestempelt werden muss, deutlich ab. Zum Glück sind auch noch nach Mitternacht in den Ortsdurchfahrten Zuschauer an der Strecke, das macht das Weiterfahren erträglicher.


Weiterfahrt von der Kontrollstelle in Loudeac

Nach 22:19 h bin ich dann an der Kontrollstelle Carhaix-Plouguer (km 525,5).
Nach dem Passieren der Geheimkontrolle ging die Anzahl der Zuschauer in den Orten merklich zurück und nach der Kontrollstelle fahre ich teilweise auch durch mehrere Orte ohne Leute an der Straße (Die meisten werden ja auch noch etwas anderes zu tun haben).
Das Fahren ist jetzt ein richtiger Kampf, ich bin sehr langsam unterwegs und es fühlt sich noch langsamer an (was nachts eigentlich umgekehrt ist). Das für mich schlimmste ist nicht einmal meine Müdigkeit, sondern das fahren auf dem sehr rauhen Asphalt in der Dunkelheit. Mein gefühlter Rollwiderstand ist der eines Panzers, es rollt so schwer, dass ich kaum noch spüre, ob es bergab oder bergauf geht.
Nach 24 Stunden versuche ich an der Strecke kurz zu schlafen, da meine Konzentration etwas nachlässt und ich keinen Sturz riskieren will. Da ich aber kurzfristig keinen geeigneten Schlafplatz finde, bleibt es bei einer Ruhepause ohne Schlaf, nach der zumindest die Konzentration wieder besser ist. Noch im Dunkeln fahre ich über den mit etwa 350m höchsten Punkt der Strecke, ohne den längeren Anstieg so zu realisieren. Während der Nachtfahrt stelle ich mir auch vor, wie wohl die Umgebung der Strecke aussehen könnte, ob es eine schöne bzw. interesante Strecke ist. Auf der Rückfahrt kann ich dann meine Fantasie mit der Wirklichkeit vergleichen.
Nach 25:40 h ist es zwar keine 30 km mehr bis Brest und auch schon hell, ich habe aber jetzt einen geeigneten Schlafplatz gefunden. In einer Art Bushäuschen am Straßenrand mit Holzbank lege ich mich hin und kann dann auch eine knappe Dreiviertelstunde schlafen.

Die zurückgelegte Entfernung in der ersten Nacht war weit weniger als vorgesehen, ich war in einem richtigen Schneckentempo unterwegs. Ich habe keinerlei Bedenken, es nicht bis Paris zu schaffen, aber am angestrebten Ziel, es unter 65 Stunden zu schaffen, kommen schon erste Zweifel. Aber abgesehen von der Müdigkeit habe ich zum Glück bisher weder mit dem Sitzen noch an den Händen oder Füßen Probleme.
Es ist wieder hell und zudem trocken, ich bin ab jetzt wieder schneller unterwegs.


Nach über 600 km ist es soweit:
Als ich das Meer erreicht habe scheint endlich die Sonne

Nur noch wenige Minuten bis Brest

Am Ortsschild Brest geht es noch einmal kräftig hoch,
bevor man die Kontrollstelle erreicht.

Die Kontrollstelle Brest ist der "Wendepunkt"

An der Kontrollstelle Brest (km 614,5) bin ich nach 27:40 h, davon 23:35 h gefahren.
Im Vergleich zu den beiden letzten Brevets (400er mit 200km Fahrradanfahrt und 600er) bin ich nicht langsamer unterwegs, aber jetzt kommt die gleiche Strecke nochmal, ich befinde mich ab hier auf Neuland.
Dass ich nachts nicht ganz so schnell unterwegs war hat für mich auch einen großen Vorteil: Ich bin bei Sonnenschein in Brest angekommen und kann meine komplette Nachtfahrstrecke jetzt bei Tag erleben.