Paris-Brest-Paris

Geschrieben von Armin Huber.

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Erfolgreich beim ältesten Langstreckenrennen

Armin Huber und Georg Fenzke nach der Einschreibung

Armin Huber und Georg Fenzke nahmen 2007 erfolgreich am ältesten Langstreckenrennen Paris-Brest-Paris teil.


est arrivé à SAINT QUENTIN (Vorort von Paris)
hiess es für die erfolgreichen Teilnehmer Armin Huber und Georg Fenzke vom RV Pfeil Tübingen bei Paris-Brest-Paris 2007. Nach über 1200 km bei viel Wind und Regen auf teils schlechten Strassen erreichte Armin nach 57:07h das Ziel, Georg nach 84:39h (offizielle Zeiten).
Von 5312 gemeldeten Teilnehmern gab es 3603 Finisher, Armin war auf "Platz" 69, Georg auf 2045.
In folgender "Rangliste" mit allen erfolgreichen Teilnehmern sind die deutschen Teilnehmer gelb markiert. PBP2007 Finisher (Excel-Datei 627 kb)


Armin Huber (ARA-Trikot) und Georg Fenzke (PBP-Trikot) am 19.08.2007 nach der Einschreibung für Paris-Brest-Paris


Paris-Brest-Paris 2007

Paris-Brest-Paris ist DAS Langstreckenereignis für alle ambitionierten Hobbyfahrer.
Die Veranstaltung wurde erstmals 1891 ausgetragen und findet seit 1971 alle vier Jahre statt. Sie gilt als ältestes Langstreckenradrennen, seit 1956 nehmen aber ausschließlich Amateure daran teil.
Auf über 1200 km gibt es 10000 Hm Anstiege, mehr zu schaffen machen den Teilnehmern jedoch der Wind, die teils schlechten Straßen und vor allem die Müdigkeit, dieses Jahr zusätzlich oft der Regen.


Die erfolgreichen Finisher vom RV Pfeil:
Armin Huber und Georg Fenzke nach 1227 km

Mit folgenden Rahmennummern waren die Fahrer des RV Pfeil Tübingen am Start:

6668 Armin Huber (Tübingen-Derendingen):
Start 21.08 um 5:00 Uhr
57h 07min (Platz 69)

3726 Georg Fenzke (Tübingen-Wanne):
Start 20.08 um 21:50 Uhr
84h 39min (Platz 2045)

3617 Michael Poplawski (Kanada)
Abbruch bei Carhaix (km 525, Start 20.08 um 22:50 Uhr)

Statistik von Paris-Brest-Paris 2007

Start 80 h 90 h 84 h 90 h - Spe. 84 h - Spe. Total
Entrants 1356 2969 741 205 41 5312
DNS 37 85 23 4 3 152
DNF 370 848 133 74 4 1429
Out of time 42 73 10 3 0 128
Homologations 907 1963 575 124 34 3603
% DNF 28.1% 29.4% 18.5% 36.8% 10.5% 27.7%


Von 5312 gemeldeten Teilnehmern (Entrants) erreichten 3603 (67,8%) das Ziel in Paris innerhalb der vorgegebenen Maximalzeit mit allen Kontrollstempeln (Homologations), davon 209 Frauen.
152 Teilnehmer sind nicht zum Start angetreten (DNS), 1429 haben unterwegs abgebrochen (DNF), weitere 128 Teilnehmer erreichten das Ziel in Paris zu spät (Out of time). Die Abbruchquote war etwa doppelt so hoch wie 2003, der Grund war sicher das schlechte Wetter.

Die niedrigste Abbruchquote gab es mit 18,5% bei der 84h-Gruppe, in der auch Armin startete.
Die Ausländer waren mit über 3000 Teilnehmern erstmals deutlich in der Überzahl gegenüber den Franzosen, die Deutschen stellten mit 387 nach Frankreich und den USA die meisten Teilnehmer. 292 Teilnehmer aus Deutschland erreichten das Ziel in Paris rechtzeitig.

Auf den nächsten Seiten folgt einigen allgemeinen Informationen der Bericht von Tourenfachwart Armin Huber, der unter den schnellsten 2% der Finisher war (fünftschnellster Deutscher).


Links zu Paris - Brest - Paris
offizielle Seite von Paris-Brest-Paris
Seit 1991 gibt es die deutschen Randonneure unter dem Namen ARA (Audax Randonneurs Allemagne)
ARA Deutschland
Zu empfehlen ist die sehr informative Seite von
ARA Nordbayern (Osterdorf), einem der weltweit meistbesuchten Startorte für Brevets. Über 100 Fahrer absolvierten dort dieses Jahr die Brevetserie bis 600 km.


Das älteste Langstreckenrennen
Das älteste Langstreckenrennen der Welt mit über 1200 km von Paris nach Brest und zurück nach Paris fand zum ersten Mal 1891 statt. Seit 1971 findet es alle 4 Jahre statt und gilt als Olympiade der Randonneure ("Radwanderer"), der auf sich selbst gestellten Langstreckenfahrer.
2007 findet P-B-P zum 16. Mal statt, die 1200+ km lange Strecke mit 10000 Hm ist in maximal 90 Stunden zu bewältigen, sofern man nicht in einer Startgruppe mit einer niedrigeren Maximalzeit (80 oder 84h) startet. Neben der Gesamtzeit müssen auch die vorgeschriebenen Zeiten an den verschiedenen Kontrollstellen eingehalten werden.

Die Qualifikationsbrevets
Als Qualifikation für PBP müssen im gleichen Jahr zwischen Mitte März und Mitte Juni Brevets mit 200 km (Maximalzeit 13,5 Stunden), 300 km (20 h), 400 km (27 h) und 600 km (40 h) gefahren werden. Es sind dazu die Stempel von allen angegebenen Kontrollstellen sowie eventueller Geheimkontrollen erforderlich. Bei den Brevets muss man sich anhand der Streckenbeschreibung und Landkarte orientieren.
Die Strecke ist nicht ausgeschildert, was bei den teilweise durch Einzelpersonen organisierten Brevets auch gar nicht möglich wäre.
Im Gegensatz zu Radmarathons hat der Randonneur für die Verpflegung unterwegs selbst zu sorgen (z.B. an den Kontrollstellen einkaufen), einen Besenwagen oder einen Reperaturservice gibt es ebenfalls nicht.
Ein Brevet ist daher deutlich anspruchsvoller als ein Radmarathon mit vergleichbarer Strecke.

Das wichtigste zum Ablauf von Paris-Brest-Paris
Die Anmeldung für Paris-Brest-Paris muss bis Anfang/Mitte Juli erfolgen. Man gibt neben seinen persönlichen Daten und Homologationsnummern der gefahrenen Brevets seine gewünschte Startgruppe (80, 84 oder 90 h Maximalzeit), Uhrzeit für Abholung der Startunterlagen an sowie Zusatzleistungen wie Größe und Anzahl von Trikots. Die Unterlagen wie Passbild und Sportattest sowie die Überweisung des Startgelds erfolgte diese Mal zunächst an ARA Deutschland, die dann alles gesammelt an die Organisation von Paris-Brest-Paris weiterleiteten.
Die Einschreibung mit Abholung der Startunterlagen erfolgt am Tag vor dem Start, diesmal also am 19.08.2007.
Die 3 Startgruppen (+2 für Spezialräder) fahren je nach Teilnehmerzahl in mehreren Startblöcken mit ca. 500-600 Fahrern los.
Die 80h-Gruppe startete am 20.08 ab 20 Uhr in 3 Startblöcken, die 90h-Gruppe ab 21.30 Uhr in 6 Startblöcken und die 84h-Gruppe am 21.08 um 5 Uhr in einem Startblock.
Im Gegensatz zu den Brevets ist die komplette Strecke gut ausgeschildert.
Die Kontrollstellen liegen meist 80-90 Kilometer voneinander entfernt, zusätzlich gibt es noch Geheimkontrollen.
Die Verpflegung ist im Startgeld nicht enthalten, sie muss unterwegs an den Kontrollstellen oder in Läden/Cafes/Restaurants eingekauft werden. An den Kontrollstellen gibt es neben der Stempelstelle auch einen Reperaturdienst, einen Arzt, ein Restaurant, eine Verpflegung mit Selbstbedienung sowie meist 200-300 Schlafplätze.

Begleitfahrzeuge
Begleitfahrzeuge sind auf der Radstrecke von Paris-Prest-Paris nicht zugelassen (auch wenn sie dort ab und zu unterwegs sind). Die Teilnehmer dürfen nur an den Kontrollstellen durch ihre Begleitfahrzeuge verpflegt werden.
Etwa die Hälfte der Teilnehmer war 2003 mit Begleitfahrzeug unterwegs, diese müssen bei der Anmeldung angegeben werden und während der Veranstaltung mit einem entsprechenden Schild markiert sein.
Wer mit Begleitfahrzeug unterwegs ist verschafft sich natürlich einen Vorteil gegenüber den Fahrern, die alleine unterwegs sind, es widerspricht auch dem Grundgedanken des Randonneurs.
Die Finisher Armin und Georg vom RV Pfeil waren selbstverständlich ohne Begleitfahrzeug unterwegs.



Paris-Brest-Paris 2007
Das älteste Langstreckenrennen mit 1227 km und 10000 Hm in 57:07 Stunden
Gefahren von RV Pfeil Tourenfachwart Armin Huber

31.03.2007 Brevet 200 km
14.04.2007 Brevet 300 km
27./28.04.2007 Brevet 400 km
17./18.05.2007 Brevet 600 km
21.-23.08.2007 Paris-Brest-Paris 1227 km

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Und Du schaffst das Unmögliche !
C.Czycholl (Audax Randonneurs Allemagne)
Armins Rückblick auf
Paris-Brest-Paris 2007
Von der Idee zur Realisierung
Bereits vor ein paar Jahren habe ich auf gemeinsamen Touren mit Jörg Huttenlocher diskutiert über eine Teilnahme bei Paris-Brest-Paris, mit einer Strecke von über 1200 km und einer Tradition seit 1891 DIE Langstreckenveranstaltung für Hobbyfahrer. Nicht nur über das Rennen selbst, sondern auch über die etwas aufwendige Qualifikation dafür.
Die Qualifikationsbrevets mit 200, 300, 400 und 600 km bin ich von Ende März bis Himmelfahrt gefahren und nach der Einreichung aller notwendigen Unterlagen bin ich für die "Olympiade der Randonneure" angemeldet, jetzt muss ich die Strecke nur noch fahren.
Die Bestzeit von etwa 45 Stunden ist nur für wenige interessant (die meist an den Kontrollstellen von eigenen Begleitfahrzeugen umsorgt werden), für die restlichen Teilnehmer heißt es dabei sein und ankommen. Ankommen ist auch mein Ziel, möglichst bis zum Abend des dritten Tages, also etwa 65 Stunden.
Jörg ist leider nicht mehr beim Radsport aktiv, aber mit Georg Fenzke und Michael Poplawski aus Kanada sind zwei weitere Pfeilmitglieder mit dabei, auch wenn wir diesmal nicht zusammen fahren werden.

Endphase der sportlichen Vorbereitung
Die Brevets von 200 bis 600 km, die ich von Ende März bis Himmelfahrt gefahren bin, sind schon längst vorbei. Ein gutes Training ist die RV Pfeil Alpentour Mitte Juli, bei der ich als Tourenführer fast 1000 km mit 23000 Hm fahre. Insgesamt bin ich in diesem Jahr bis zum Start in Paris weit über 10000 km gefahren.
Am Wochenende 4./5. August fahre ich meine letzten Marathonstrecken.
Bereits um 3:40 Uhr starte ich in Tübingen und bin dann nach 80 Kilometern und zwischenzeitlicher Gepäckdeponierung bei meinen Eltern am Start des Supercups in Calmbach.
3000 Hm gibt es auf einer Strecke von 202 km, zusammen mit meiner Extratour vom Mummelsee auf die Hornisgrinde und der Rückfahrt nach dem Ziel komme ich dann auf 330 km mit 4600 Hm.
Am Sonntag Morgen fahre ich nochmal auf die Höhen des Nordschwarzwalds, bevor ich über das Glatttal und Kloster Kirchberg nach 205 km Tübingen erreiche.
Lange Strecken kann ich also noch gut fahren, aber ansonsten sieht es mit der logistischen und mentalen Vorbereitung für den Höhepunkt des Jahres katastrophal aus, die Motivation ist noch sehr niedrig. Auch die sehr schöne Tagestour in den Nordschwarzwald am 12. August läßt noch keine richtige Motivation aufkommen, obwohl mir das Radfahren viel Spaß macht .

Donnerstag 16. August - Bergzeitfahren
Das Hotel ist gebucht und die Hinreise geklärt an meinem letzten Arbeitstag vor der Tour, das gibt mir zumindest eine gewisse Gelassenheit.
Am Abend gibt es beim 10. Tübinger Bergzeitfahren den letzten Formtest.
Trotzdem ich einige Kilogramm von meinem Idealgewicht entfernt bin, knacke ich mit meinem neuen Trekkingrad die 6 Minuten und stelle mit 5:53 eine neue Gesamt-Jahresbestzeit auf.
Die Leistung ist top (etwa 450 Watt) und Fettreserven müssen auf einer langen Strecke kein Nachteil sein.
Meine Motivation steigt gewaltig an.

Freitag 17. August - Abfahrt von Tübingen

Da die Zugverbindungen mit Fahrradmitnahme von Tübingen nach Paris extrem schlecht sind (abgesehen vom ausgebuchten Nachtzug), benutze ich bis Straßburg das Fahrrad als Transportmittel.
Nachdem ich einige Dinge erledigt habe, alle Sachen gepackt, die RV Pfeil Homepage noch mit den neuesten Informationen zu PBP aktualisiert habe fahre ich zu meinen Eltern an den Rand des Nordschwarzwalds als erste Etappe der Hinfahrt.

Samstag 18. August - Fahrt nach Paris
Ich fahre vom Schwarzwaldrand über Freudenstadt und Zuflucht (wo ich bereits das dritte Mal innnerhalb von zwei Wochen bin) hinunter nach Oppenau und weiter nach Oberkirch. Problemlos finde ich schöne Strecken im Rheintal bis Kehl und das einizge, was meine Freude am Fahren etwas einschränkt ist der Rucksack auf dem Rücken.
Ich überquere den Rhein und erreiche nach 4 Stunden den Bahnhof in Straßburg.
Dort stelle ich fest, dass für den Zug gar kein Gleis angegeben ist und diese Angabe erst 20 Minuten vor der Abfahrt auf dem Monitor erscheint. Als nicht ganz einfach erweist sich die Unterbringung des Fahrrads im Zug, aber ich und die anderen Radreisenden schaffen es, alle Räder in einem schmalen Gang um zwei Ecken in das kleine Fahrradabteil zu bugsieren.
Auf der Fahrt nach Mulhouse führt die Bahnstrecke an den Vogesen entlang, die Sonne scheint und ich erblicke die Haut Koenigsbourg, auf der ich mit anderen Pfeilern bei den Trainigstagen Ende Februar stand. Die angenehmen Erinnerungen lassen meine Zuversicht auf eine erfolgreiche Teilnahme wachsen.

Um 17:15 Uhr erreiche ich Paris Est und fahre ins Stadtzentrum und dann an der Seine entlang, vorbei am Louvre und dem
Eiffelturm, ich bin jetzt auch geistig in Paris angekommen. Auf dem Weg nach Versailles gibt es zwischendrin noch eine 16%-ige Steigung bevor es wieder flacher bis zu meinem Hotel westlich des Startorts geht.
Vom Hotel schaue ich noch nach Verpflegungsmöglichkeiten und habe dann am Tagesende über 160 km auf dem Tacho.


Sonntag 19. August - Einschreibung
Das heutige "Pflichtprogramm" besteht in der Abholung der Startunterlagen mit Fahrradkontrolle um 16:30 Uhr und anschließend Fototermin der deutschen Randonneure um 17 Uhr.
Auf meiner "Trainingsrunde" fahre ich in einem großen Bogen teils auf der PBP-Strecke über Montfort nach Rambouillet und weiter über Dampierre zum Startort, im Gegensatz zum Vortag ist die Strecke herrlich verkehrsarm und teils auch landschaftlich schön. Schon diese Runde ist typisch für das, was mich in den nächsten Tagen erwartet: Neben wenigen richtigen Flachstücken geht es meist bergauf oder bergab, nie lange aber oft.
Es ist etwas kühl (was mir aber deutlich angenehmer ist als extreme Hitze) und es gibt immer wieder Schauer. Da ich keine Ersatzschuhe dabei habe werden meine Radschuhe leider in den nächsten Tagen nicht mehr richtig trocken.
Ich wollte beim Fototermin von Michael mit seinen kanadischen Landsleuten vorbeischauen, brauche aber zu lange, bis ich den Start gefunden habe. Ich kundschafte dann erst mal den optimalen Weg zwischen Hotel und Start aus, den ich am Dienstag dann in der Nacht fahren muss, es sind 14 Kilometer.
Um 16:30 Uhr bin ich dann wieder beim Start zur Abholung der Unterlagen, die Fahrradkontrolle wurde kurzerhand abgesagt und soll direkt vor dem Start stattfinden, wohl wegen des Wetters. Um 17 Uhr haben sich viele deutsche Randonneure auf der Wiese in dem großen Kreisverkehr eingefunden. Einige Gesichter sind mir von den Brevets bekannt und ich treffe auch Klaus aus Reutlingen.


Armin im ARA-Trikot
 
Einige der 387 gemeldeten deutschen Teilnehmer (darunter 11 Frauen).
Deutschland war nach Frankreich und den USA drittstärkste Nation.
Die Statistik zu den tatsächlich gestarteten und im Ziel
angekommenen deutschen Teilnehmern liegt noch nicht vor

Nachdem das Treffen mit Michael nicht geklappt hat warte ich noch bei der Einschreibung auf Georg und treffe ihn auch. Nachdem er seine Unterlagen abgeholt hat machen wir noch einige Fotos.

Armin Huber und
Georg Fenzke nach Abholung der Unterlagen im ARA und PBP Trikot
Und das gleiche am Start/Ziel von Paris-Brest-Paris nochmal im neuen Vereinstrikot

Heute übernachten bei mir noch Peter und Alfred, den ich von den Brevets in Osterdorf kenne, die ich beim Warten auf Georg bei der Einschreibung getroffen habe und die mit dem Auto nach langer Suche mein Hotel dann auch gefunden haben, zum Glück hatte ich mir die genaue Lage zuvor mit GoogleEarth angeschaut. Mit 124 km ist die heutige Radstrecke etwas kürzer als gestern.


Montag 20. August - Tour nach Versailles
Eigentlich hatte ich für heute eine Stadtrundfahrt in Paris geplant, aber aufgrund der etwas längeren Strecke dorthin und des wieder nur sehr bescheidenen Wetters beschließe ich es bei einer Besichtigung von Versailles zu belassen.
Nach dem morgendlichen Einkauf im nahegelegenen Supermarkt fahre ich erst am Nachmittag los, da meine Motivation ins Freie zu gehen bei dem grauen Himmel recht gering ist.
Zur besseren Einprägung der Strecke fahre ich beim Start in Guyancourt vorbei und finde dann auch eine kürzere Strecke Richtung Versailles, die ich dann auch für die Fahrt zum Bahnhof am Freitag benutzen werde.


Das Schloss von Versailles von der einen ...

und von der anderen Seite.

Nach ausgiebiger Besichtigung der Parkanlagen, bei der sich sogar gelegentlich die Sonne zeigt, fahre ich dann zum Start und schaue, was sich dort so tut.
Die Warteschlange der 80h-Gruppe ist bereits mehr als 2 Stunden vor dem Start riesig. Etwas später treffe ich dann noch Michael, der in der 90h-Gruppe starten wird.
Den Start schaue ich mir dann aber nicht mehr an sondern fahre zurück ins Hotel.
Im Nachhinein betrachtet hätte ich auch noch den Start der 80h-Gruppe verfolgen können, da ich sowieso erst spät zum Schlafen komme.
Bei der 90h-Gruppe ist Klaus Schulz aus Reutlingen ganz vorne im ersten Startblock um 21:30 Uhr losgefahren, Georg Fenzke startete dann um 21:50 Uhr und Michael Poplawski musste bis um 22:50 Uhr warten, bis auch er losfahren durfte.

Dienstag 21. August - Start

Armin ist mit Warnweste
Startklar für die Nachtfahrt
Die Nacht ist viel zu kurz und richtig geschlafen habe ich wohl kaum mehr als 3 Stunden, das ist sicher alles andere als eine gute Ausgangssituation für den Start zu einer Radtour mit über 1200 km.
Kurz nach 3 Uhr starte ich mit dem Rennrad auf dem mir inzwischen gut bekanntem Weg zum Start in Guyancourt.

Es ist trocken und die Temperatur ganz angenehm, auf eine Jacke verzichte ich daher und habe nur die Warnweste über dem Trikot an. Nach einer guten halben Stunde bin ich beim Start, wo zwar schon einige Randonneure stehen, die Kontrollstelle aber auch beim offiziellen Beginn der Startkontrolle um 4:45 Uhr noch geschlossen ist. Nach einigen Minuten geht es dann in die Turnhalle hinein um den Startstempel abzuholen. Ich trinke den Rest aus der Flasche im Rucksack und gebe diesen dann ab zur Verwahrung bis zu meiner Rückkehr nach Paris.

Wir stehen dann zunächst neben dem Fußballfeld, bevor bei der Radkontrolle die Funktion der Beleuchtung überprüft wird und wir zum Startplatz rollen. Sehr viele Radfahrer stehen vor und hinter mir zu dieser fürs Radfahren eigentlich untypischen Zeit. Und um 5:05 Uhr am 21.08.2007 ist es dann endlich soweit, es geht auf die lange Reise.
Die Schlange beim Abholen des Startstempels in
der Turnhalle ist bei der 84h-Gruppe nicht allzu groß.

Hell erleuchten die Warnwesten, Reflexionsbänder und
Lampen beim Warten auf die Freigabe des Starts



Start in Guyancourt - Kontrollstelle Villaines (km 222)
Einige Zuschauer haben sich zu dieser frühen Morgenstunde beim Start eingefunden, es sind aber sicher deutlich weniger als
beim Start der 80h und 90h-Gruppen. Eine lange Gruppe von Ranndoneuren fährt noch bei Dunkelheit durch die Vororte von Paris, einige Kreuzungen werden von Polizisten freigehalten. An roten Ampeln wird auf den ersten Kilometern einfach durchgefahren. Ein Anhalten würde auch leicht zu einem Massensturz führen. Immer wieder gibt es auch Engstellen, vor denen man nahezu zum Stillstand kommt, sofern man nicht ganz vorne im Feld fährt. Ich bin mitten im Feld und so werden einige Meter Abstand beim Start zu Kilometern auf die vordersten Fahrer.
In der ersten Stunde bekomme ich so gerade mal 25 Kilometer zusammen, in der zweiten Stunde läuft es mit einem 30er Schnitt dann etwas schneller. Der große Pulk, in dem ich fahre, umfasst wohl mehr als 100 Teilnehmer. Da das Tempo nicht übermäßig hoch ist, kann man z.B. nach einer Pinkelpause relativ schnell wieder die Gruppe erreichen.
Nach 60 Kilometern ist dann ein Regenbogen zu sehen, für dessen Zustandekommen bekanntlich Sonne und Regen erforderlich sind, von beiden haben wir aber noch nichts gespürt. Auf die Sonne warten wir weiter vergeblich, dafür fängt es nach 10 weiteren Kilometern kräftig an zu regnen und das Tempo wird wieder etwas niedriger. Nach meinen Erfahrungen der Vortage, dass ein Regenschauer genau so schnell vorbei ist wie er kommt, fahre ich ohne Jacke weiter. Viele Teilnehmer ziehen die Regenjacken an, sofern sie diese nicht schon vom seit dem Start anhaben. Diesmal hält der starke Regen aber etwa eine Stunde an, bevor er schwächer wird und gelegentlich auch ganz aufhört. Der große Pulk zerfällt in mehrere Gruppen und Grüppchen. Vereinzelt kommen uns auch schon Fahrer entgegen, die am Abend gestartet sind und die Tour bereits aufgegeben haben.


Einfahrt zur Kontrollstelle Mortagne
Die erste Verpflegungsstelle Mortagne (km 140), die nur auf der Rückfahrt eine Kontrollstelle ist und bei der auf der Hinfahrt nicht abgestempelt werden muss, erreiche ich nach 5:07h.
Ich halte nur kurz an, um eine Flasche mit Wasser aufzufüllen und die Warnweste auszuziehen, danach geht es weiter.

Mit Warren aus Australien fahre ich zwei Stunden
Da sich die Gruppe praktisch komplett aufgelöst hat, fahre ich erstmal alleine weiter.
Nach einer Weile finde ich mit Warren aus Australien auch einen Mitfahrer, mit dem ich bis zur ersten Kontrollstelle weiterfahre, mit etwa zwei Stunden ist er mein ausdauernster Begleiter während der gesamten Tour. Bergauf ist er zwar etwas langsamer als ich, dafür machen wir in der Ebene abwechselnd Tempo. Nach etwa 200 Kilometern überholen wir bereits die ersten Teilnehmer der 90h-Gruppe, die über 7 Stunden vor uns losgefahren sind. Bis auf einen kräftigen, kurzen Schauer ist es jetzt meist trocken.

Vor der ersten Kontrollstelle ist auch ein bisschen blauer Himmel zu sehen.

Das Tempo auf dem zweiten Abschnitt war mit einem 30er Schnitt etwas schneller und nach 7:56h bin ich dann an der ersten Kontrollstelle Villaines (km 222).


Kontrollstelle Villaines (km 222) - Brest (km 615)
An der Kontrollstelle Villaines stelle ich das Fahrrad ab und gehe hinein zur Stempelstelle. Die Karte wird mit dem Magnetstreifen durch das Lesegerät gezogen (für die Live-Information im Internet) und ich bekomme der ersten Stempel in mein Kontrollbuch. An dieser Kontrollstelle ist der Fußweg bis zum Abstempeln noch angenehm kurz, später artet er teils fast in einen Marathon aus.
Verpflegung habe ich noch genügend dabei und so sitze ich auch gleich wieder auf dem Rennrad und bin wieder als Einzelfahrer unterwegs.
Meine erste "Verpflegung" erhalte ich jedoch nur wenig später in Form einer Banane von einem Zuschauer in einer Ortsdurchfahrt. Ich schnappe mir die Banane im Fahren, was noch mit einem kleinen Zusatzapplaus honoriert wird.
Die Zuschauer machen auch einen Großteil der Faszination an diesem Langstreckenereignis aus. Neben dem Klatschen wünschen einem viele eine "Bonne route", "Bon voyage" (gute Fahrt) oder "Bon courage" (Machs gut, halt die Ohren steif). Das beim Radrennen gebräuchliche "Allez, allez" ist eigentlich nur von jüngeren Zuschauern zu hören. Egal ob Mann oder Frau, Franzose oder Ausländer, jung oder alt, schnell oder langsam, hier wird jeder angefeuert. Mancher Zuschauer ist die Strecke wohl auch schon selbst gefahren und weiß die Leistung der Fahrer und Fahrerinnen umso besser einzuschätzen.
Der Himmel ist praktisch über die gesamte Teilstrecke sehr stark bewölkt, die Straße ist aber meist trocken. Auf diesem Stück komme ich am ersten Unfall vorbei, ein Japaner (die erstaunlicherweise mit über 100 TeilnehmerInnen am Start sind) liegt in einer Rettungsdecke hinter der Überquerung einer stark befahrenen Straße. An der Unfallstelle sind der Rettungsdienst und mehrere Landsleute. Der Zusammenhalt scheint hier, vielleicht auch durch eine weite gemeinsame Anreise, sehr groß zu sein, in diesem Teilstück überhole ich auch mehrere Grüppchen von Japanern. Ich befinde mich jetzt schon mitten in der 90h-Gruppe, die zu diesem Zeitpunkt aber schon über eine Strecke von weit über 100 Kilometer verstreut ist.

Mit einem 28er Schnitt bin ich alleine weiter ordentlich unterwegs und erreiche nach 11:20 h die Kontrollstelle Fougeres (km 310).
Nachdem ich bisher praktisch durchgefahren bin, ist jetzt die Zeit für eine richtige Pause. Ich stemple an der Kontrollstelle ab und fülle kurz darauf meine Versorgungsvorräte durch einen Einkauf in einem Laden auf. Ich nehme mir die Zeit zum gemütlichen Essen und Trinken und unterhalte mich dabei mit ein paar deutschen Randonneuren aus der 90h-Gruppe. Nach einer halben Stunde fahre ich dann weiter.
Auf dem nächsten Teilstück "duelliere" ich mich mit einem deutschen Liegeradfahrer über viele Kilometer, auf denen wir uns mehrfach gegenseitig überholen. Bergab und im Flachen ist er deutlich schneller, sobald es etwas länger ansteigt habe ich wieder die Nase vorn.
Selten finde ich Mitfahrer und das dann auch nicht über eine längere Zeit, wobei manche auch nur eine Weile in der Ebene am Hinterrad lutschen ohne selbst Führungsarbeit zu machen.

Auch auf diesem Teilstück fahre ich weiter meinen 28er Schnitt und erreiche nach 14:00 h die Kontrollstelle Tinteniac (km 364,5).
An dieser Kontrollstelle komme ich bereits eine Stunde vor meinem Vereinskollegen Michael aus Kanada an, den ich wohl an der vorherigen Kontrollstelle "überholt" habe. Wegen Fuß- und Magenproblemen gibt er nach 525 km auf, dennoch ist es für ihn wie bei seiner erfolgreichen Teilnahme 2003 wieder ein tolles Erlebnis. Schön dass es auch noch viele Radfahrer gibt, die sich nicht nur am nackten Ergebnis orientieren.
Obwohl ich nur abstemple, steht mein Fahrrad aufgrund des aufwendigen Wegs zur Stempelstelle ganze 10 Minuten still. Da ich die nächste Kontrollstelle noch bei Tageslicht erreichen will, fahre ich dann auch sofort weiter. Nachts wird es noch genügend Zeit für längere Pausen geben. Auch in diesem Abschnitt ist es meist trocken, ich bin mit unverminderter Geschwindigkeit unterwegs und überhole viele Gruppen und Einzelfahrer.

In der Dämmerung erreiche ich nach 17:24 h die Kontrollstelle Loudeac (km 449,5). Angesichts des sehr wenigen Schlafes vor dem Start ist es bisher gut gelaufen und mein Ziel des Ankommens vor der dritten Nacht realistisch. Da es nach dem Abstempeln ohnehin dunkel ist genehmige ich mir jetzt eine längere Verpflegungspause.
In den Orten der Kontrollstellen sind zu jeder Zeit viele Leute unterwegs, zum einen die vielen freiwilligen Helfer an der Kontrollstelle selbst und Zuschauer, zum anderen die FahrerInnen der Verpflegungsfahrzeuge der Teilnehmer.
Neben der Warnweste ziehe ich auch noch die Jacke und die Knielinge an und es geht weiter. Gegenüber der bisherigen Strecke sinkt mein Tempo auf diesem Abschnitt, auf dem auch an einer Geheimkontrolle abgestempelt werden muss, deutlich ab. Zum Glück sind auch noch nach Mitternacht in den Ortsdurchfahrten Zuschauer an der Strecke, das macht das Weiterfahren erträglicher.


Weiterfahrt von der Kontrollstelle in Loudeac

Nach 22:19 h bin ich dann an der Kontrollstelle Carhaix-Plouguer (km 525,5).
Nach dem Passieren der Geheimkontrolle ging die Anzahl der Zuschauer in den Orten merklich zurück und nach der Kontrollstelle fahre ich teilweise auch durch mehrere Orte ohne Leute an der Straße (Die meisten werden ja auch noch etwas anderes zu tun haben).
Das Fahren ist jetzt ein richtiger Kampf, ich bin sehr langsam unterwegs und es fühlt sich noch langsamer an (was nachts eigentlich umgekehrt ist). Das für mich schlimmste ist nicht einmal meine Müdigkeit, sondern das fahren auf dem sehr rauhen Asphalt in der Dunkelheit. Mein gefühlter Rollwiderstand ist der eines Panzers, es rollt so schwer, dass ich kaum noch spüre, ob es bergab oder bergauf geht.
Nach 24 Stunden versuche ich an der Strecke kurz zu schlafen, da meine Konzentration etwas nachlässt und ich keinen Sturz riskieren will. Da ich aber kurzfristig keinen geeigneten Schlafplatz finde, bleibt es bei einer Ruhepause ohne Schlaf, nach der zumindest die Konzentration wieder besser ist. Noch im Dunkeln fahre ich über den mit etwa 350m höchsten Punkt der Strecke, ohne den längeren Anstieg so zu realisieren. Während der Nachtfahrt stelle ich mir auch vor, wie wohl die Umgebung der Strecke aussehen könnte, ob es eine schöne bzw. interesante Strecke ist. Auf der Rückfahrt kann ich dann meine Fantasie mit der Wirklichkeit vergleichen.
Nach 25:40 h ist es zwar keine 30 km mehr bis Brest und auch schon hell, ich habe aber jetzt einen geeigneten Schlafplatz gefunden. In einer Art Bushäuschen am Straßenrand mit Holzbank lege ich mich hin und kann dann auch eine knappe Dreiviertelstunde schlafen.

Die zurückgelegte Entfernung in der ersten Nacht war weit weniger als vorgesehen, ich war in einem richtigen Schneckentempo unterwegs. Ich habe keinerlei Bedenken, es nicht bis Paris zu schaffen, aber am angestrebten Ziel, es unter 65 Stunden zu schaffen, kommen schon erste Zweifel. Aber abgesehen von der Müdigkeit habe ich zum Glück bisher weder mit dem Sitzen noch an den Händen oder Füßen Probleme.
Es ist wieder hell und zudem trocken, ich bin ab jetzt wieder schneller unterwegs.


Nach über 600 km ist es soweit:
Als ich das Meer erreicht habe scheint endlich die Sonne

Nur noch wenige Minuten bis Brest

Am Ortsschild Brest geht es noch einmal kräftig hoch,
bevor man die Kontrollstelle erreicht.

Die Kontrollstelle Brest ist der "Wendepunkt"

An der Kontrollstelle Brest (km 614,5) bin ich nach 27:40 h, davon 23:35 h gefahren.
Im Vergleich zu den beiden letzten Brevets (400er mit 200km Fahrradanfahrt und 600er) bin ich nicht langsamer unterwegs, aber jetzt kommt die gleiche Strecke nochmal, ich befinde mich ab hier auf Neuland.
Dass ich nachts nicht ganz so schnell unterwegs war hat für mich auch einen großen Vorteil: Ich bin bei Sonnenschein in Brest angekommen und kann meine komplette Nachtfahrstrecke jetzt bei Tag erleben.


"Retour" Von Brest in Richtung Paris
Nach einem Homepage-Aufarbeitungsmäßig sehr langen, tatsächlich aber eher kurzen Aufenthalt von etwa 15 Minuten inklusive Abstempeln und Fotografieren geht es jetzt tatsächlich auf den Rückweg Richtung Paris.


Ich befinde mich jetzt auf dem Rückweg. Geändert hat sich, dass die Strecke jetzt mit den blauen Pfeilen ausgeschildert ist und ich Paris wieder näher komme.

Tachostand am Wendepunkt Brest

Einige Kilometer nach der Kontrollstelle in Brest, die in einer Schleife liegt, gelangt man wieder auf die schon von der Hinfahrt mehr oder weniger bekannten Strecke, je nach Tageszeit, Regen und geistiger Aufnahmefähigkeit.
Aber wie soll es jetzt weitergehen (da kann ich mich sogar noch an ein kurzes Gespräch darüber mit einem Stuttgarter Randonneur kurz nach Brest erinnern) ?
Zumindest solange die Sonne scheint will ich keine Schlafpause einlegen und wenn möglich auch nicht vor Einbruch der Dunkelheit, aber bis dahin sind es noch einige Stunden.


Hügelige Landschaft kurz hinter Brest, nachdem wegen Regen, Nacht oder Nebel stundenlang nichts zu sehen war sehr schön, aber natürlich von der Aussicht keineswegs vergleichbar mit der herrlichen Alpentour im Juli

In Sizun mache ich eine Verpflegungspause die sich zeitlich ziemlich ausdehnt. Die Sonne scheint, ich sitze mitten im Ort an der Straße und sehe viele Randonneure vorbeifahren, die meisten sind von der 90h-Gruppe und noch auf dem Hinweg nach Brest.

In Sizun geht es in der Ortsmitte über harmloses Kopfsteinpflaster.
Durch den kleinen Anstieg im Ort sind die Randonneure hier etwas langsamer und besonders gut zu beobachten.

Etwas unverständlich für mich ist, dass es bei PBP keine Helmpflicht gibt, sonst aber neben der Beleuchtung am Fahrrad und das Tragen von Reflexionsstreifen bzw. Warnweste bei Dunkelheit (die natürlich wichtig sind) auch sonst alles Nötige und Unnötige geregelt ist.

Nach über einer Stunde fahre ich dann endlich weiter, ich sehe es aber nicht unbedingt als "verlorene" Zeit an, es war vielleicht ganz gut zur Regeneration und wird sich möglicherweise später noch positiv bemerkbar machen. Leider bin ich so vollgefressen, dass an ein normales Fahren zunächst nicht zu denken ist, eher erstmal Schönwetterfahrertempo. Vielleicht liegt es auch an der langen leichten Steigung, die mit sehr moderaten 2% relativ gleichmäßig 12 km lang ansteigt bis zum Roc Trevezel. Sehr schön ist, dass ich jetzt auf meiner trockenen Nachtfahrstrecke auch bei Tag gutes Wetter habe und bei der Fahrt auf den höchsten Punkt der Strecke eine tolle Aussicht habe. Bei Nacht habe ich die Steigung, die auf der anderen Seite etwas ungleichmäßiger ist, aufgrund des ohnehin schweren Rollens auf dem rauhen Asphalts gar nicht richtig registriert.
Es folgt jetzt für mich die längste Abfahrt, bei der mir viele Teilnehmer engegenkommen, sie haben noch einige Höhenmeter und mehrere Stunden bis Brest vor sich, aber wenigstens scheint ihnen jetzt auch die Sonne. Ich wundere mich aber schon etwas, wie lange mir immer noch zahlreiche Teilnehmer entgegenkommen.

An der Kontrollstelle Carhaix-Plouguer (km 699) hole ich um 13:45 Uhr meinen nächsten Stempel ab, von Brest also eine eher gemächliche Fahrweise. Da ich in Sizun mehr als genügend Nahrung aufgenommen habe, fahre ich auch gleich weiter.
Von der Sonne ist dann irgendwann gar nichts mehr zu sehen und der Himmel nur noch ein Grau in Grau, ab und zu gibt es jetzt auch wieder ein bisschen Regen.
In den nächsten beiden Stunden geht es bei mir irgendwie nur noch schleppend voran, obwohl ich körperlich außer etwas Müdigkeit keinerlei Beschwerden habe. Aber bei Langstrecken ist ja oft nicht der Körper sondern der Kopf entscheidend.
Entweder muss ich demnächst mal eine längere Schlafpause einlegen oder etwas anderes unternehmen.


Im Geschwindigkeitsrausch (km 750 - 1084)
Ich entscheide mich für das andere und entschließe mich dazu, es mit schnellerem Fahren zu versuchen, und da kommt dann eine Getränkeflasche, die mir profimäßig aus einem Auto gereicht wird, gerade recht. Um 17:45 Uhr bin ich an der Kontrollstelle Loudéac (km 775).
Allerdings gibt es jetzt auch immer wieder mal leichten Regen. So verständigt sich z.B. ein Franzose mit mir darauf, zusammen etwas Tempo zu machen, wir haben aber dann schnell die nächste Gruppe eingeholt was ihm wohl schon ausreichend scheint. Zudem setzt gerade wieder Regen ein und die Gruppe hält an, um die Regenjacken anzuziehen. Ich halte das für unnötig und fahre wieder alleine weiter. Gegen Abend wird es dann zum Glück richtig trocken.
Zwischendurch gibt es noch eine Geheimkontrolle und um 20:55 Uhr ist die Kontrollstelle Tinténiac (km 860) erreicht. Da es jetzt ohnehin dunkel ist, mache ich auch wieder eine etwas längere Verpflegungspause.
Dann geht es wieder in die Nacht, am Ortsende beginnt ein Anstieg, an dem ich gleich einige Radfahrer überhole und flott den Berg hochfahre. Leider springt mir zwischendurch beim Schalten die Kette runter und verklemmt sich etwas, aber zum Glück hält der schon ein paar hundert Meter lang hinter mir fahrende radfahrerfreundliche Autofahrer an, bis ich die Kette wieder drauf habe und weiterfahren kann, sonst hätte ich mit meinem Batterielicht selbst ausleuchten müssen.
Oben angelangt kann mir dann dieses Mißgeschick vorerst nicht mehr passieren, da ich vorne auf das große Blatt schalte und so auch viele Kilometer lang fahre. Im Vergleich zur ersten Nacht bin ich deutlich schneller unterwegs und die empfundende Geschwindigkeit ist noch höher.
Immer wieder fahre ich an kleinen Grüppchen vorbei, die mir geradezu schleichend erscheinen. Kaum habe ich sie überholt, ist es hinter mir auch schon wieder finstere Nacht und die Lichter der Randonneure nicht mehr zu sehen. Ich befinde mich in einem richtigen Geschwindigkeitsrausch, das Fahren durch die Nacht macht mir sehr viel Spaß, das hätte ich noch vor wenigen Stunden für nicht möglich gehalten.
Um 23:30 Uhr bin ich dann auch schon an der Kontrollstelle Fougères (km 915) angelangt.
Nachdem es auf dem ersten Teilstück der zweiten Nacht so super gelaufen ist, mache ich hier keine übermäßig lange Pause und fahre weiter. Leider setzt dann wieder Regen ein, der diesmal auch andauert und bis zur nächsten Kontrollstelle auch nicht mehr aufhöhrt und stärker wird. Da es aber nicht kalt ist, fahre ich diesmal ohne Jacke, sondern nur mit der Warnweste weiter. Die Geschwindigkeit reduziert sich durch den heftigen Regen aber deutlich, vor allem bergabwärts.


Rahmennummer für das Fahren von links nach rechts

Erstmals habe ich auf diesem Teilstück dann eine vierstellige Kilometerzahl und die Kontrollstelle Villaines-la-Juhel (km 1002,5) ist um 3:45h (23.08.2007) erreicht. Hier gibt es im Gegensatz zu den vorhergehenden Kontrollstellen zum Glück nur einen kurzen Fußweg. Da ich neben den dem Großteil der 90h-Fahrer auch viele Teilnehmer der 80h-Gruppe überholt habe und sich das Teilnehmerfeld mit zunehmender Dauer naturgemäß immer weiter verstreut, ist jetzt auch weniger Betrieb.
Obwohl ich mich sehr gut fühle, kostet mich das Weiterfahren diesmal deutlich mehr Überwindung, da mir der Regen noch stärker vorkommt als bei meiner Ankunft an der Kontrollstelle, obwohl das kaum möglich erscheint. Ist das losfahren aber erstmal geschafft, kann mich auch die Nässe nicht mehr aufhalten. Der heftige Dauerregen scheint immer stärker zu werden, als es dann in der Morgendämmerung endlich trocken wird. Um 8:00 Uhr gibt es an der Kontrollstelle Mortagne-au-Perche (km 1084,5) den nächsten Stempel.

Dadurch, dass ich in der zweiten Nacht stark gefahren bin, ist das gesetzte Ziel greifbar nahe und ich habe keinerlei Zweifel daran, dies auch zu schaffen. Nach der Auswertung meiner Aufzeichnung war ich in der zweiten Nacht 4 km/h schneller unterwegs als in der ersten, und das trotz deutlich schlechterem Wetter.


Endspurt (km 1084 - Ziel)

An der vorletzten Kontrollstelle mache ich nochmal eine richtige Verpflegungspause vor dem Finale. Zwischendurch ist mir ein Handschuh runtergefallen, den ich leider erst nach einigen Minuten wieder gefunden habe. Das ärgert mich schon etwas, da dieser Zeitverlust vollkommen sinnlos ist im Gegensatz z. B. zum Fotografieren. Jetzt aber los zum Endspurt.

Erstmal geht es 2 km lang runter und dann gibt es auf den nächsten 20 Kilometern ein ständiges auf und ab. Danach geht es nur noch ganz leicht bergauf oder bergab. Als Einzelfahrer habe ich zwar mit dem Wind zu kämpfen, der meistens irgendwie von schräg vorne kommt, aber mit einem 30er Schnitt bin ich alleine deutlich schneller unterwegs als die kleinen Gruppen, die ich immer wieder überhole.
Bei km 1158,5 gibt es in Dreux die letzte Kontrollstelle vor Paris. Um 11:33 Uhr ist dann meine Stempelsammlung im Kontrollheft fast komplett. Mein Aufenthalt ist diesmal wesentlich kürzer. Nach dem Stempeln und Fotografieren genehmige ich mir noch eine Cola und sitze bereits nach weniger als 7 Minuten wieder im Sattel. Es sind keine 70 Kilometer mehr bis ins Ziel.


In der Kontrollstelle Dreux, kurz vorm Ziel
Schon etwas Vorfreude, es bald geschafft zu haben

Eine der vielen ehrenamtlichen HelferInnen,
hier an der Stempelstelle in Dreux

Die Müdigkeit ist nach etwa 45 Minuten Schlaf während der Tour und auch viel zu kurzem Schlaf vor dem Start zwar deutlich zu spüren, aber meine Beine verrichten ihren Dienst weiter hervorragend. An den Füßen habe ich keine Probleme und auch an den Händen läßt es sich gut aushalten. Meine einzige Sorge ist, durch das hohe Tempo nicht noch einen Hungerast zu bekommen.

50 Kilometer vor dem Ziele sehe ich dann endlich auch einen Bekannten aus der näheren Umgebung von Tübingen, es ist Klaus Schulz aus Reutlingen, der bereits 2003 erfolgreich teilgenommen hat. Er ist mit der ersten 90h-Gruppe losgefahren und nicht mehr ganz so flott unterwegs, aber er wird seine Zeit von 2003 verbessern und diesmal unter 66 h ins Ziel kommen. Er feuert mich noch an und ich bin dann wieder alleine unterwegs. Einzelne hängen sich in der Ebene in meinen Windschatten, müssen dann aber spätestens an der nächsten Bodenwelle abreißen lassen. Gut 30 Kilometer vor dem Ziel gibt es noch einen schönen Anstieg, es sind zwar nur durchschnittlich 6%, aber auch diese spürt man nach der langen gefahrenen Strecke etwas, trotzdem macht mir das Fahren richtig Spaß. Etwa 15 Kilometer vor dem Ziel komme ich an einem gestürzten Teilnehmer vorbei, vielleicht hat die Konzentration mit dem Ziel vor Augen etwas nachgelassen. Der Krankenwagen ist jedenfalls schon zur Stelle und ich fahre den letzten etwa 6 km langen Anstieg hoch, oben angelangt sind es nur noch 10 flache Kilometer bis ins Ziel, die Motivation steigt noch einmal deutlich an.

Also schnell aufs große Blatt schalten und Gas geben, die ersten 4,5 Kilometer fahre ich so einen 37er Schnitt bis ... nein, die Kraft geht mir nicht aus, sondern es kommt eine rote Ampel. Leider ist es nicht die einzige, sondern es folgen noch einige davon, kaum hat man richtig beschleunigt muss man auch schon wieder anhalten. Kurz vor dem Ziel geht es zur "Freude" der Teilnehmer auch noch durch einen Baustellenbereich, wer bisher die Freude am Radfahren nicht verloren hat wird sie wohl spätestens hier zumindest kurzzeitig verlieren.
Aber dann ist endlich der große Kreisverkehr erreicht, einige Zuschauer klatschen im Zielbereich. Ich gehe in die Turnhalle, ziehe um 14:17 Uhr die Magnetkarte durchs Lesegerät und bekomme den letzten Stempel in meine Kontrollkarte:
"Audax Club Parisien Paris-Brest-Paris Arrivee". Es ist geschafft!


Geschafft !!!

Kontrollkarte mit den Stempeln der Rückfahrt

Magnetkarte Armin Huber
Meine (später veröffentlichte) offizielle Zeit ist 57:07 h (der Start der 84h-Gruppe erfolgte erst nach 5 Uhr).


Fazit:
Meine Vorbereitung war konditionell bestens, ansonsten noch stark verbesserungsfähig, insbesondere das Schlafdefizit schon beim Start.
Abgesehen vom Regen (ich schätze bei mir so etwa 400 km lang, andere Teilnehmer berichteten von bis zu 900 km) war es für mich angenehm zu fahren, jedenfalls deutlich besser als bei großer Hitze. Ich hatte weder Sitzprobleme noch etwas an den Beinen gespürt und über weite Strecken hat mir das Fahren auch richtig Spaß gemacht. Den Großteil der Strecke bin ich im Wind gefahren, bei der Hinfahrt etwa 2/3, die Rückfahrt fast komplett.

Meine Tour läßt sich eigentlich in zwei starke und ein schwaches Drittel einteilen.
Dank des Starts am Morgen konnte ich zunächst bis zur ersten Nacht bereits ein Drittel der Strecke fahren, schon mal eine sehr gute Grundlage.
In der ersten Nacht und bis zum Nachmittag des zweiten Tages ging es sehr schleppend voran, vermutlich wegen der Müdigkeit. Es war aber wohl mehr ein geistiges als körperliches Problem.
Die zweite Nacht und die Strecke bis ins Ziel bin ich dann wieder deutlich stärker gefahren. Auch für mich war es erstaunlich, dass ich insbesondere auf den letzten 150 Kilometern noch soviel Druck machen konnte.
Insgesamt kann ich mit meinem Abschneiden sehr zufrieden sein und gerade auch aufgrund der positiven Erfahrungen auf dem letzten Drittel wird es sicher nicht meine letzten Langstrecke gewesen sein.


Nach der Ankunft

Nach dem Abstempeln gehe ich wieder raus und erwarte die Zielankunft von Klaus Schulz. Er trifft eine halbe Stunde nach mir ein und ist Paris-Brest-Paris diesmal in 65:22 h gefahren. Bericht von Klaus Schulz
Wir unterhalten uns dann, auch mit ein paar anderen deutschen Randonneuren, die es ebenfalls schon geschafft haben.
Zunächst rufe ich noch bei den Daheimgebliebenen an, dass ich angekommen bin, sie wissen übers Internet aber schon gut bescheid.
Danach informiere ich mich kurz, wo meine Vereinskameraden gerade sind. Michael hat auf der Hinfahrt aufgegeben und Georg wird erst am nächsten Morgen ankommen. Am frühen Abend regnet es bereits wieder. Dann lege ich mich in der Turnhalle schlafen, was auch einige andere Randonneure tun bzw. schon getan haben.
Aber ich bin bereits vor 5 Uhr schon wieder wach, vielleicht weil ich die Ankunft von Georg nicht verpassen möchte, aber er ist erst um 5:41 Uhr an der Kontrollstelle in Dreux. Um 9 Uhr fahre ich ihm dann entgegen, wobei ich wegen dem teils bepflanzten Mittelstreifen aufpassen muß, ihn nicht zu verpassen. Nach etwa 10 Kilometern warte ich etwas länger als gedacht, bis er dann auftaucht. Die letzten 10 Kilometer bis ins Ziel fahre ich jetzt nochmal zusammen mit Georg. Er berichtet mir schon kurz von seinen Problemen, dass er nach der Anfangsphase nur noch im Sitzen fahren konnte.

Wieder mal an einer roten Ampel, Zeit zum Fotografieren


Georg Fenzke

Armin Huber

Georg Fenzke auf dem letzten Kilometer von P-B-P

Armin Huber und Georg Fenzke im Ziel
Georg Fenzke hat es in 84:39 h geschafft. Dass viele Teilnehmer das Zeitlimit voll ausschöpfen sieht man schon daran, dass in der Ergebnisliste noch über 1500 Finisher hinter Georg folgen.

Aber es ist schon eine große Leistung diese Strecke überhaupt innerhalb 90 Stunden zu schaffen, besonders bei diesen schlechten Wetterbedingungen.

Bereits das bei den Randonneuren als "Sprint" bezeichnete Brevet mit 200 km geht ja schon über die Vorstellung von vielen Leuten hinaus.


Etwas später mache ich mich dann wieder auf mit dem Fahrrad in Richtung Ostbahnhof, diesmal auf der anderen Seite der Seine. Bei dem trüben Wetter ist mir irgendwie nicht mehr viel an Stadtrundfahrt gelegen, wobei mir das Fahren in der Stadt ohnehin nur sehr begrenzt Freude macht.


Sonnenschein auf der Zugfahrt nach Straßburg
Während ich bereits im Zug Richtung Straßburg sitze, sind einige Randonneure noch auf den letzten Kilometern unterwegs.

Etliche Kilometer nach Paris scheint dann die Sonne ins Abteil und wärmt mich mit ihren Strahlen, als wollte sie mich auffordern noch etwas zu bleiben.

Au revoir, Paris-Brest-Paris


Viele Dank an
- Meine Eltern, die mich in Straßburg abgeholt haben
- Die Mitfahrer auf der Tour, bei den Brevets und den Trainingstouren, insbesondere Georg, Klaus und Michael
- Die vielen Helfer bei Paris-Brest-Paris
- Karl und Heidi Weimann mit Team für die schönen Brevets in Osterdorf
- Und natürlich allen, die die Sache im Internet verfolgt und die Daumen gedrückt haben

Also dann bis zum nächsten Mal
Paris-Brest-Paris 2011